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Lieber Roger Köppel – Kolumne in der MZ vom 23.7.09

Juli 23rd, 2009 · 3 Comments · Allgemein

JasminStaiblin

Jasmin Staiblin, ABB Chefin

Lieber Roger Köppel, ich gratuliere! Natürlich zum baldigen Vaterglück, aber noch mehr zu einer anderen Leistung. Roger Köppel hat mal wieder vorgemacht, wie man ein todgeweihtes Schiff zurück auf Kurs bringt. Es hat ihn zwar wohl einige Mühe gekostet, bis sich irgendjemand für die altbekannten ultrakonservativen Positionen des Weltwoche-Chefredaktors neu begeistern, bzw. – und das ist besser für die Leserzahlen – empören konnte. Gleich dreimal musste er die Schwangerschaft der ABB Chefin Jasmin Staiblin zum Hauptthema seines Kampfblattes machen und auf den Moment warten, bis irgendeiner in einer langweiligen Minute im Zahnarztvorzimmer tatsächlich mal wieder eine Weltwochentitelseite umschlug. Die billige Provokation hat er seinem Mentor, dem Alt-Bundesrat, abgeschaut. Um immer wieder fallen Medien und Öffentlichkeit drauf rein: Es geht diesen gesellschaftspolitischen Neandertalern gar nicht darum, wirklich über die Rolle der Frau, die Kinderbetreuung oder die Gleichstellung zu diskutieren. Natürlich nicht, es geht um Emotionenhascherei, Quoten, Leserzahlen und Wähler(und leider auch –innen). Roger Köppel, ein Mann der Tat. Er hat nicht gewartet, bis der Bund einspringt, sondern er hat sich sein eigenes Konjunkturpaket gleich selber gebastelt – mit freundlicher Unterstützung der „steuer- und abgabenfinanzierten“ staatlichen Medien.

Ein Einkommen muss reichen!
Eines allerdings muss man ihm und der Weltwoche zu Gute halten: Obwohl das den Herren in den Redaktionsräumen herzlich egal sein dürfte. Aber die Frage, wo wir eigentlich in Sache Gleichstellung und Emanzipation in diesem Land stehen, ist absolut berechtigt. Nur haben eben gerade die Köppels in diesem Land massgeblich daran gearbeitet, dass wir noch nicht weiter sind. Gerade, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. Noch immer gibt es in der Schweiz fast keine Teilzeitstellen für Frauen und Männer. Und wenn, dann könnten es sich die meisten Familien gar nicht leisten, zweimal „nur“ Teilzeit zu arbeiten. Lassen Sie mich darum Klartext reden: Es muss endlich möglich sein, dass eine Familie mit dem Einkommen aus einem Vollzeitpensum über die Runden kommt – und zwar dann, wenn sich die Partner die Erwerbsarbeit teilen. Die Einkommensdifferenz sollen Gesellschaft und Wirtschaft gemeinsam ausgleichen. Gerade in Zeiten der Krise würde ein solches Modell die Kaufkraft stärken und die Arbeitslosigkeit senken helfen.

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Was ist der moderne Mann?

Ist das der moderne Mann?
An der aktuellen Diskussion stört mich aber noch etwas anderes. Das mag überraschen, aber es mich stört weniger die Diskussion darum, ob eine Frau nun ein Unternehmen führen soll, darf und kann – dass sie darin oft sogar besser sind als ihre männlichen Kollegen beweisen sie nämlich Tag für Tag selber -  vielmehr fühle ich mich als junger Mann in eine Ecke gestellt, in der ich nicht stehen will. Ein Beispiel: Im „Club“ vom letzten Dienstag diskutieren zwei echte Powerfrauen mit zwei Vollzeit- und Vorzeigemüttern über Kindererziehung, die optimale Stilldauer, Familienorganisation, Nähe und Distanz zu Kindern, Mutter-Kind-Beziehung und wie frau es als Frau eben hinkriegt, Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen… kurz um die Frage, wie die moderne Familie in der Schweiz des 21. Jahrhunderts funktioniert und funktionieren kann. Die beiden anwesenden Männer allerdings sind bestenfalls entfernte Beobachter, die bereits einmal gesehen haben, dass ihre Frau dies und das mit ihrem Kind tut oder so und so versucht wieder ins Berufsleben einzusteigen. Sie stellen betroffen fest, dass das für ihre Partnerinnen tatsächlich nicht einfach ist – mehr nicht. Ähm hallo? Wieso fragt eigentlich keiner, wo denn die Väter in diesem Land sind? Ist das der moderne Mann? Sind es nicht auch Rabenväter, denen die Leserzahlen ihres Wochenblatts wichtiger sind als die Zeit mit ihrem Kind? Muss ich mich als junger Mann, der durchaus auch einmal Kinder möchte, der sie miterziehen will, der mitentscheiden will, wer wie lange wen stillt oder eben „schöppelet“ und hütet, der auch gerne Teilzeit arbeiten will, um Zeit mit seinen Kindern zu verbringen plötzlich wieder quer in der Landschaft fühlen? Sind wir wirklich noch nicht soweit, dass die Familie als wirklich gemeinsames Projekt von Frau und Mann – oder auch Frau und Frau und Mann und Mann – gilt? Offensichtlich nicht.

Liebe Frauen… bitte wählt richtig!

Liebe Frauen: Ihr habt Recht, wenn ihr sagt, wir Männer müssten noch daran arbeiten, uns zu emanzipieren, den komischen Stolz des Alleinernährers abzulegen. Aber eine Bitte sei mir gestattet: Wenn endlich all die Powerfrauen und -männer in diesem Land, die merken, wie verdammt schwierig es ist, Familie und zweimal Beruf zu organisieren sich bewusst werden würden, dass der Mangel an Kinderkrippen und Ganztagesbeutreuung kein Zufall, sondern ein Mangel an politischem Willen ist und endlich aufhören würden, die dauernden konservativen Verhinderer und -innen aus CVP, FDP und SVP zu wählen, dann wäre eine wirklich gleichberechtigtes Familienmodell in greifbarer Nähe.

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3 Kommentare bisher ↓

  • Klatschheftli.ch » Archiv » Roger Köppel lernt doch noch Autofahren

    [...] Es heisst, Ehefrau Bich-Tien soll sanften Druck auf ihn ausgeübt haben. Schliesslich haben die Köppels jetzt eine Sohn (namens Karl). Und der muss auch mal zum Dökti gebracht werden. Oder später [...]

  • Peter Herzig

    Ich glaube zwar nicht, dass Du selbstlos redest, aber Dein Eintreten für Roger gefällt mir.

    Du kämpfst nicht für die geschriebenen Medien, nämlich gegen die völlige Verblödung der Bevölkerung mittels Medien.

    Damit meine ich: Wer abgeschlafft und ausgelaugt abends heim kommt, der hat keinen Nerv mehr, sich umfassend politisch zu informieren. Der muß Vordenkern vertrauen können.

    Wir brauchen einen Paragrafen, dass politische Lügner hart bestraft werden.

    Das muss jetzt nicht mehr sein, aber in Saurier-Zeiten hat man politische Gauner hingerichtet. Gauner, die nichts anderes konnten, als nichts Sichtbares zu leisten, aber ständig zu lügen.

  • Margit Hutter

    Das Kartenhaus ist zusammengebrochen
    Die Dämlichkeit und Unverfrorenheit unserer Versager- und (legalen?) Betrüger-Eliten haben mich lange verstummen lassen. Deshalb melde ich mich erst reichlich verspätet zum Zusammenbruch des Kapitalismus. Ich bitte meine Leser um Verständnis.

    Versager und Betrüger
    Ich habe auf diesen Seiten auf die Kapitalismusfehler schon seit vielen Jahren hingewiesen und in meinem Begrüßungsvideo auf die Anfänge meiner Zweifel bereits im Jahr 1995 verwiesen. Ich habe auch auf meiner Startseite beschrieben, dass ich Angst habe vor den Versagern und (legalen?) Betrügern in unseren Chefetagen und im Politikbetrieb. Mir war immer klar, dass wer ein Schneeballsystem Staatsverschuldung betreibt, auch zu allen anderen denkbaren Schäden gegenüber der Bevölkerung fähig und skrupellos genug ist. Letztlich traue ich unseren Versagern und Betrügern auch zu, dass sie den Untergang der Erde riskieren teilweise aus Dummheit, aber auch aus Arroganz und Skrupellosigkeit, selbst wenn sie damit ihren eigenen Untergang besiegeln.

    Monetäre Scheinwelten
    Ich habe schon lange von monetären Schein- und Geisterwelten gesprochen. Damit waren die durch die Notenbanken und das Zinsezinssystem aufgeblähten Geldvermögen gemeint, die in der realen Welt keine Deckung haben und sich von einer Vermögensblase zur nächsten retten mussten. Die Welt der Finanzwetten hat dann dem Fass den Boden ausgeschlagen. Sie haben Werte erreicht, die locker das Zehnfache der Weltwirtschaftsleistung ausmachen können. Diese Wetten sind hauptsächlich geplatzt. Die notleidenden Hypotheken der armen amerikanischer Hauseigentümer sind niemals in der Lage gewesen, diesen weltweiten Zusammenbruch der Wirtschaft zu bewerkstelligen. Dies ist nur ein vorgeschobener Grund, um Verwirrung zu stiften. Aber das hat sich gelohnt. Die Bankenzocker haben die Regierungen genötigt mit falschen Horrormeldungen über einen Einsturz des Bankensystems, ihnen ihre Wettschulden zu ersetzen. Und dämliche Regierungen haben das getan. Und die Staaten dieser Regierungen kommen jetzt selbst in Bedrängnis wegen Überschuldung. Selbst das Eurosystem ist stark gefährdet. Es ist schon absurd, dass Regierungen eine monetäre Scheinwelt retten wollen, die nicht zu retten ist. Hätten die Regierungen mal den ehernen Grundsatz der Banken beherzigt, dann wären sie nicht auf die Banken hereingefallen. Dieser Grundsatz lautet:
    Man wirft kein gutes Geld dem schlechten hinterher.
    Die richtige Lösung ist immer noch, die Banken und andere Finanzinstitute kontrolliert bankrott gehen zu lassen. Auf diesen Seiten der Kapitalismusfehler fordern wir diesen kontrollierten Bankrott schon seit vielen Jahren. Die Notwendigkeit dieser Maßnahme ist schon seit vielen Jahren absehbar. Und sie betrifft nicht nur die Finanzbranche, sondern auch die Staatsverschuldung. Nach dem gigantischen Staatsschuldenaufbau in dieser Krise trifft das umso mehr zu. Das Bankensystem wird durch einen kontrollierten Bankrott nicht zusammenbrechen. Denn die Banken haben sich hauptsächlich selbst diese Wetten und Schrottpapiere angedreht. Auf dem Höhepunkt des Irrsinns haben die Banken versucht, sich gegenseitig zu betrügen. Ein wahrhaft makabrer Höhepunkt einer Geisterfahrt.
    Während Staaten versuchen, die monetäre Geisterwelt zu sanieren, was nicht möglich ist, werfen sie gutes Geld dem schlechten hinterher. Gleichzeitig “fehlen” den Staaten die Mittel, um das Klima zu retten, neue Energien zu fördern und die Nahrungsmittelkrise in den Griff zu bekommen. Ist das der Höhepunkt der Geisterfahrerei oder ist ein noch schwerwiegenderes Fehlverhalten möglich?
    Schlimmer als 1929
    Ist diese Krise schlimmer als die Weltwirtschaftskrise von 1929? Meine Antwort ist eindeutig: Ja. Ich schließe dies aus einem Film über den Börsencrash 1929. In diesem Film wurde dieselbe Arroganz und Ahnungslosigkeit der damals herrschenden Clique gezeigt, wie wir das heute erleben. Weshalb es heute schlimmer ist, liegt in einem wesentlichen Unterschied. Die 1929 Verantwortlichen sind nach ihrem Versagen alle abgestraft worden. Einige haben sich selbst die Kugel gegeben oder haben sich aus den Fenstern ihrer Glaspaläste gestürzt, andere sind verurteilt worden, wurden ins Gefängnis geworfen, alle anderen haben nie mehr einen Fuß auf den Boden bekommen, sind auf Lebenszeit verachtet worden, haben meist ihr ganzes Vermögen verloren und in sind in Armut und Bitterkeit gestorben. Welch ein Unterschied zu heute. Heute sind alle Politiker, alle Chefredakteure, alle Leiter von Wirtschaftsinstituten, alle Lobbyisten, alle Polittalkmoderatoren, fast alle Manager und andere Verantwortliche für diesen Zusammenbruch noch in Amt und Würden. Und wenn jemand geschasst wurde, dann ist er mit Millionenabfindungen verabschiedet worden, die er möglichst noch unversteuert über eine Steueroase vor dem Fiskus in Sicherheit bringt. Hinzu kommt, dass nichts an den Zielen der Wirtschaft geändert wurde. Kein einziges Gesetz ist geändert worden, das zu dieser Misere beigetragen hat. Die neoliberale Ideologie soll in Reinkultur weiter betrieben werden, nachdem man dem Steuerzahler gigantische Billionen Schulden vor die Füße geschüttet hat. Danach soll alles bleiben, wie es ist. Die Reichen und Schönen wollen sich ohne Skrupel weiter auf Kosten der Bevölkerung ein schönes Leben machen.
    Die EU hat immer noch die gleichen Ziele wie vor der Krise. Die Kapitalvermehrung und die größtmöglichen Renditen sind weiterhin oberste Ziele des Wirtschaftens. Dafür wird auch in Kauf genommen, dass man diese Ziele gegen die eigene Bevölkerung und andere Staaten mit Gewalt und Militär durchsetzen muss. Demokratische Rechte sind da nur hinderlich, deshalb ist eine zunehmend undemokratischere EU, aber auch Bundesrepublik Bedingung für diesen Coup gegen die Bevölkerung. Die Versager und Betrüger haben nichts verstanden, wollen nichts verstehen. Das macht die Sache so gefährlich.
    Erbärmliche Kreaturen
    Eines darf Sie trösten. Diese erbärmlichen Kreaturen haben trotz ihrer Millionen ein erbärmliches Leben. Denn nichts kann diesen Leuten das Leben so vermiesen wie die Verachtung der Bevölkerung, ihr Eingeständnis immer wieder gescheitert zu sein. Denn die früheren masters of the universe sind zu masters of desaster geworden. Vorbei sind die Zeiten, in denen ihnen noch jemand zuhört, vorbei die Zeiten, in denen Schreiberlinge die Bevölkerung für dumm verkaufen konnten, bemitleidenswert die Fernsehdiskussionen mit Talkmastern, die immer noch die falschen Fragen stellen an Leute, die bewiesen haben, dass sie nichts verstehen, am Wohl der Bevölkerung nicht das geringste Interesse haben. Diese Veranstaltungen sind gespenstisch, haben mit der Realität nichts mehr zu tun.
    In eigener Sache
    Erbärmliche Kreaturen, Versager, Betrüger, Unverfrorenheit, Dämlichkeit etc sind nicht mein bevorzugtes Vokabular und mein Stil. Im Gegenteil, es kostet mich einige Überwindung, diese Begriffe zu verwenden. Trotzdem muss man die aktuelle Situation so beschreiben, wenn wir – die Bevölkerung – überhaupt eine Chance haben wollen, um zu überleben. Dazu gehört, dass wir denen jeden Respekt verweigern, die keinen Respekt verdienen, sondern nur verachtenswert sind. Ich beschreibe die aktuelle Situation in so drastischen Worten stellvertretend für viele, die es ähnlich empfinden, aber nicht die Möglichkeiten haben oder sehen, dem auch öffentlich Ausdruck zu verleihen. Wir müssen erreichen, dass die Versager und Verlierer jeden Einfluss auf die Öffentlichkeit und auf das reale Geschehen verlieren. Verantwortung haben diese Leute nicht übernommen, verurteilt worden sind sie auch nicht. Millionen und Milliarden wollen sie weiterhin kassieren. Nachdem ihre legalen oder kriminellen betrügerischen Geschäftsmodelle gescheitert sind, wollen die Versager und Betrüger jetzt direkt vom Steuerzahler in einer verarmenden Bevölkerung weiterhin Millionengehälter und Milliardenrenditen. Unverschämter geht es wirklich nicht. Und Sie zahlen dafür mit Jobverlust, geringen Löhnen und Gehältern, sinkenden Sozialleistungen, höherer Umsatzsteuer, Umweltzerstörung etc. Dafür sind die in diesem Kommentar gebrauchten Begriffe noch zu harmlos.
    Alles falsch gemacht
    Kann man eigentlich in einem Wirtschaftssystem alles falsch machen? Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit ist dies schwer vorstellbar. Wenn also in einem System alles falsch gemacht wird, dann muss Absicht und Zielstrebigkeit dahinter stecken. Wenn alle Maßnahmen sich zum Nachteil der Bevölkerung auswirken, dann kann das kein Zufall mehr sein. Tröstlich für Sie: Diesmal haben die masters of desaster übertrieben. Diesmal gibt es keine Rückkehr zum alten System. Dazu ist der Schaden zu groß. Richtig ist aber auch, dass die Situation sich erheblich verschlechtern wird. Wir werden dafür zu sorgen haben, dass nur die am alten System unverdient reich Gewordenen den Schaden bezahlen. Weiterhin tröstlich für Sie, das wird auch so kommen. Denn die Bevölkerung hat diese Vermögensbestände nicht, um den Schaden einigermaßen zu reparieren. Das können und werden nur die zwangsweise machen müssen, die sich am bisherigen falschen und betrügerischen System bereichert haben.

    Brauchen wir ein anderes Wirtschaftssystem?
    Inzwischen ist wohl auch manchem klar geworden, dass eine verarmende Bevölkerung und ein stabiles Wirtschaftssystem nicht vereinbar sind. Nur wenn die Leute das auch kaufen können, was sie herstellen oder dienstleisten, entsteht ein Wirtschaftskreislauf, der funktioniert. Dies ist das oberste Wirtschaftsprinzip jeden Wirtschaftens, ganz gleich welchen Namen ein Wirtschaftssystem hat. Das hat schon der alte Ford vor ca. 100 Jahren gewusst, der kurzerhand die Löhne seiner Leute verdoppelte, damit sie sich auch die Autos leisten konnten, die sie herstellten.

    Ganz sicherlich brauchen wir andere Ziele des Wirtschaftens. Wir müssen das System vom Kopf auf die Füße stellen. Nicht Höchstrenditen sind zu erwirtschaften, sondern das größtmögliche Gemeinwohl. Darunter hat man sich vorzustellen, größtmöglicher Wohlstand für die große Mehrheit der Bevölkerung und nicht größtmöglicher Wohlstand für eine kleine (betrügerische?) Minderheit. Dies alles in Einklang mit der Natur und nicht unter größtmöglicher Schädigung der Natur. Allein diese Änderung bei der Zielsetzung reicht aus, um auf einen tragbaren Pfad des Wirtschaftens zurückzukehren. Also: nicht das Kapital muss sich wohlfühlen – es ist nur Diener – sondern Bevölkerung und Natur müssen sich wohlfühlen. Um zu diesen Erkenntnissen zu gelangen, ist nun wirklich nicht viel Einsicht nötig. Wenn diese Einsicht bisher nicht genutzt wurde, liegt das an der bösen Absicht der Leute, die sich bisher für Eliten hielten, in Wirklichkeit aber die masters of desaster sind.
    Börsenumsatzsteuer statt Mehrwertsteuererhöhung
    Auch in einem kranken System kann man falsche und bessere Entscheidungen treffen. Eine dieser fatalen Falschentscheidungen war die Erhöhung der Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte von 16 auf 19 Prozent im Jahr 2007. Das war die größte Steuererhöhung aller Zeiten. Und sie ist verpufft. Und sie hat beträchtlichen Schaden angerichtet. Es ist eine der übelsten Entscheidungen der letzten Jahre auf unterstem Niveau. Zum einen trifft die Steuer die geringen und mittleren Einkommen besonders hart. Das ist wirtschaftlich unsinnig und ungerecht. Aber die große Koalition glaubte sich das leisten zu können. Ein Kaufkraftverlust von ca. 20 Milliarden Euro pro Jahr ist die Folge. Also in den beiden Jahren 2007 und 2008 ist ein damit ein Programm zum Abwürgen der Konjunktur in Höhe von 40 Milliarden Euro aufgelegt worden. Jetzt muss man mit neuen Schulden dies wieder ausgleichen. Da hat sich das Ausplündern der Bevölkerung gerächt. Wir haben einen Wirtschaftskreislauf, wo man nicht ohne Konsequenzen ständig die Bevölkerungsmehrheit belasten kann und die Reichsten ständig von der Finanzierung des Gemeinwesens freistellen kann. Die SPD hat mit dieser Aktion zum zweiten Mal ihre Seele und Glaubwürdigkeit verloren. Mit massivem Wortbruch hat sie einer Mehrwertsteuererhöhung zugesimmt, die sie im Wahlgang noch massiv abgelehnt hat. “Merkelsteuer – das wird teuer.” Man hätte sich gewünscht, dass die scheinheilige mainstream-Presse bei diesem Wortbruch massiv dagegen gehalten hätte. Aber dieser Wortbruch passte ihr gut ins Kalkül ihrer neoliberalen Verblendung. Da selbst Großbritannien zur Ankurbelung der Konjunktur die Mehrwertsteuer gesenkt hat und schon lange eine Börsenumsatzsteuer hat, sollte das in Deutschland auch möglich sein. Also Mehrwertsteuererhöhung zurück wieder auf 16%. Börsenumsatzsteuer rauf von 0 auf 0,5%. Angst vor der Finanzindustrie muss ja nun wirklich niemand mehr haben. Dies würde ein Konjunkturprogramm von ca. 20 Milliarden Euro bedeuten und zwar ohne neue Schulden. Denn die Börsenumsatzsteuer würde ebenfalls 20 Milliarden Einnahmen bringen. Wie gesagt, auch in einem kranken Wirtschaftssystem kann man schlechte und bessere Entscheidungen treffen. Man kann die Bevölkerung stärken oder man kann die Reichen noch reicher machen. Und diese Entscheidung ist offensichtlich so schwer, dass man ständig die falsche Alternative wählt. Aber der Wirtschaftskreislauf und die Natur nehmen das sehr übel.
    Weitere Krisen
    Weitere Krisen sind entstanden bei unserer Währung Euro, bei Staatspleiten, Überschuldung, dem katastrophalen Einbruch der Wirtschaftstätigkeit, insbesondere bei den Autobauern, dem Jobabbau, und das alles im weltweiten Maßstab.

    Zinseszins und Freiwirtschaft
    Über allem thront ein fehlerhaftes Geld- und Zinssystem, das der Bevölkerung die Luft abschnürt und den Reichen Millionen und Milliarden in die Taschen spült. Wenn selbst gestandene Börsenmakler wie Dirk Müller in seinem aktuellen Buch Crashkurs das Zinseszinssystem als Crashsystem bezeichnen, das notwendigerweise zum Zusammenbruch führen muss, dann sollten alle Alarmglocken schrillen. Wenn nicht jetzt, wann dann wollen wir die Scheuklappen ablegen und – vielleicht noch nicht zu spät, ein fehlerfreies Geld- und Zinssystem einführen.

    Dirk Müller:
    “Unser Wirtschaftssystem wird kollabieren. So wie alle Systeme, die auf Zins und Zinseszins beruhen, in den vergangenen Jahrtausenden kollabieren mussten. Das ist mathematisch auch gar nicht anders möglich.”
    Seite 105 und weiter auf Seite 203:

    “Unser aktuelles Zinseszinssystem ist nicht die beste aller Welten. Ob es die Freiwirtschaft ist, vermag ich nicht zu sagen. Sie hat sicherlich bestechende Vorteile.”

    Mehr von den Krisen und dem fehlerhaftem Geldsystem in der Fortsetzung dieses Artikels.

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