Die Kritik an der „Arena“

urlEinige Vertreter der SP Schweiz haben der Arena-Redaktion um Jonas Projer und Tristan Brenn Ende dieser Woche einen offenen Brief geschickt. Wir haben darin unsere Kritik an der Art und Weise formuliert, wie die Arena ihre Themen setzt. Projer hat auf unsere Kritik, sagen wir mal, recht offensiv und wenig verständnisvoll reagiert (vgl. hier oder hier). Nicht alle Medien haben die Kritik meines Erachtens korrekt wiedergegeben (oder wir haben sie vielleicht nicht punktscharf formuliert). Deshalb hier kurz den Stein des Anstosses nochmals erläutert.

 

Die Themenwahl

Es ist doch sehr befremdend, dass sich die Arena  relativ strikte den sozialen und ökonomischen Fragen verweigert (hier meine Auswertung zur Titelsetzung der Arena seit dem 18.10.15, hier die Auswertung des Sekretariates der SP Schweiz zu den Themen). Sie tut dies, wenn ich das richtig verstehe, mit dem Hinweis darauf man wähle die Themen nach „Aktualität“ und danach, „was den Menschen unter den Fingernägeln brenne“. Hier zeigt sich das grundlegende Problem schon ein erstes Mal. Diese Argumentation ist so naiv wie unpolitisch. Was gerade „aktuell“ ist, ist noch lange keine Aussage über effektive Relevanz – noch weniger, wenn man die Aktualität an der quantitativen Presseberichterstattung misst (was ich der Arena auf Grund der Themenauswahl mit relativ grosser Sicherheit unterstellen würde). Ein Beispiel: Die Debatte um die „Handschlagverweigerer“ ist objektiv eine völlige Null-Debatte. Sie funktioniert nur dann, wenn man implizit davon ausgeht, irgendwo in unserer Gesellschaftt gäbe es ein nennenswertes Potential für religiöse Extremisten. Das ist – im Fall der Islamisten – offensichtlich nicht der Fall. Niemand findet das gut, keiner Will Islamisten. Wenn schon, haben wir ein Problem mit der Akzeptanz gegenüber christlichen Fundis. Die sind kulturell anschlussfähig (vgl. z.B. den amerikanischen Wahlkampf dieser Tage). Auch wer die letzten Sätze nicht teilt, kann das Problem aus einer anderen Perspektive verstehen: Es braucht doch entweder recht viel Realitätsverweigerung oder eine sehr bewusst – rechte – Agenda (your choice), zwar wiederholt Sendungen über den Islam, die innenpolitische Einflussnahme der EU oder die Flüchtlingskrise zu machen (also im wesentlichen die Wahlplattform der SVP), aber keine einzige zur Unternehmenssteuerreform III (die die Rechte mutwillig zu einem Selbstbedienungspaket umgebaut hat), die AHV-Reform (Rentenalter 67 wieder aktuell), die Panamapapers oder die inzwischen zahlreichen Stellenverluste in Folge der Frankenkrise zu machen. Zufällig alles Themen, die die Rechte im Wahlkampf und im Parlament versuchte und versucht totzuschweigen.

 

C’est le ton qui fait la musique

Nun kann ja keine_r behaupten, die Flüchtlingskrise existiere nicht und man wolle nicht darüber reden. Auch hat die Linke kein Problem mit dieser Debatte. Oder mit Europa oder dem Islam. Im Gegenteil, die Realität zeigt ja recht krass, dass wir in diesen Fragen Recht haben. Das Problem ist ein anderes. Politik ist immer ein Kampf um Weltbilder und die Interpretation dessen, was um uns geschieht (nein, die objektive Beschreibung gibt es nicht). Die Art und Weise, wie wir eine Frage aufgreifen, welche Worte, welchen Diskurs wir verwenden, prägt unsere Vorstellungen, unsere Vorurteile und letztlich eben auch die Logik der Antwort. Ein Beispiel: Wenn die Sendung zu den Anschlägen in Paris „Krieg in Europa?“ heisst, ist das schon einmal ein substantielles Zugeständnis an die neokonservative Rechte. Genau die Leute, die versuchen über den Begriff des „Krieges“ eine Trennlinie zwischen „christlicher Zivilisation“ und „muslimischer Barbarei“ zu ziehen (AfD, SVP und wie sie alle heissen). Das gleiche in grün zur Flüchtlingskrise. Ob wir die Krise zuerst als Schutzkrise, also ein menschliches Drama, oder eben als eventuelle Bedrohung für die Schweiz (wie die Arenatitel eben suggerieren) prägt die Logik der Debatte selbstverständlich. Es ist genau die Logik, in der die rechte die Fragen diskutiert haben will. Als Bedrohungsszenario, als Mittel, die Angst und den Hass weiter zu schüren.

Jetzt kann man sich fragen, warum wir gerade die Arena kritisieren und nicht den „Blick“ oder ein anderes Medium (tun wir übrigens auch regelmässig. By the way: die Reaktionen sind auch dort selten wirklich selbstkritisch oder souverän. Scheint heute in vielen Fällen nicht mehr Teil journalistischen Selbstverständnisses). Tatsächlich werden Diskurslogiken natürlich nicht von einer Sendung alleine diktiert. Aber die öffentlich-rechtlichen Medien haben eine besondere Verantwortung. Ihre Aufgabe ist es genau, vermeintlich allgemein gültige Formulierungen, Wortwahlen oder Relevanzen zu hinterfragen. Zu recht, weist Christian Levrat darauf hin, dass zum Beispiel das französischsprachige Pendant zur Arena, das Infrarouge, wesentlich (selbst)kritischer mit diesen Problemen umgeht. Das gleiche gilt übrigens auch für andere Gefässe des Service public, allen voran die politischen Sendungen bei SRF Radio (warum das so ist, ist eine andere Frage).

Das beklemmende ist, dass die ersten Reaktionen der Arena nicht darauf schliessen lassen, dass man den Handlungsbedarf sieht. Und Jonas Projer macht weder persönlich noch als öffentliche Person den Eindruck, irgendwie politisch naiv zu sein oder sich leichtfertig für eine politische Strömung einbinden lassen zu wollen (ja Herr Projer, ich weiss, die Debatte hatten wir schon mal). Leider liesse das eher den Schluss einer politischen Agenda zu. Affaire à suivre.

 

 

P.s.
Fast untergegangen ist in der Debatte die Kritik an der Geschlechterverteilung in den Arena Sendungen (vgl. unten). Es ist tatsächlich krass, wie gross der Überhang männlicher Gäste ist. Wenn ich richtig gerechnet habe beträgt das Verhältnis der (Haupt)Gäste 76:23. Also kommen Männer 3.3 Mal öfter zum Zug. Auch hier greift das Gegenargument „das bildet nur die Realität im Parlament ab“ nicht wirklich. Auch hier gilt: Realitäten werden durch Realitäten geschaffen. D.h. weibliche Kandidatinnen und Politikerinnen werden eben gerade „normaler“ und wählbarer, wenn sie eine stärkere Plattform in den Medien erhalten – nicht umgekehrt.

Datum Titel Mann : Frau
23.10. Schweiz – EU: Wie weiter nach den Wahlen? 3:1
30.10. Gewählt ist: Die SVP! 3:1
6.11. Gefährliche Wurst – wie viel Prävention macht Sinn? 7:0
13.11. Kampf auf der Baustelle – Sozialpartnerschaft auf der Kippe 2:2
20.11. Anschlag in Paris – Krieg in Europa? 3:1
27.11. Die Schweiz in Gefahr? 3:1
4.12. Bundesrats-Wahl: SVP gegen Parlament? 5:2**
11.12. Flüchtlinge: Schaffen wir das? 3:1 (4:1)
18.12. Geliebte SRG, gehasste SRG – wie viel Service Public wollen wir? 3:1
8.1. Präsidialarena
15.1. Nahrungsmittelspekulation* 3:1
22.1 Volkes-Macht 3:1
29.1 Initiative Heiratsstrafe* 3:1
5.2. Durchsetzungsinitiative* 3:1
12.2. Gotthard* 6:2
19.2. Zerrissene Schweiz 4:0
26.2. Brüssel greift an – wird die Schweiz nun entwaffnet? 3:1
4.3. Und jetzt Europa 3:1
11.3. Wer will Homo-Eltern? 3:1
18.3. Die Auto-Schweiz 3:1
1.4. Angst vor dem Islam 3:1
8.4. Schweiz ohne Gott 4:0
15.4. Der Notfallplan – müssen wir uns gegen die Flüchtlinge wehren? 2:2 (3:2)

*Abstimmungsarena, ** Fraktionspräsidien

12 Kommentare zu Die Kritik an der „Arena“

  1. Hans Hegetschweiler

    Könnte ja sein, dass sich wenige Leute für die Unternehmenssteuerreform III interessieren. Gerade die SP dafür bekannt, dass sie Steuerthemen nicht versteht und nicht verständlich machen kann (Beispiel: die grosse Steuerreform 1998. Die SP kämpft für irgendwelche obskuren Altersabzüge und merkt zum Beispiel nicht, wie problematisch die Besteuerung der Börsengewinne geregelt ist). Beispiel Unternehmenssteuerreform II, die SP merkt nicht, was die Aufhebung der Agiobesteuerung wirtschaftlich wirklich bedeutet, obwohl die Angaben von Merz leicht nachprüfbar waren. Frau Oberholter gibt sich als die grosse Expertin, ihre Beiträge zur Arena erschöpfen sich aber allzuoft in billiger Parteirhetorik. Wie soll man mangels Kompetenz der Politiker (und mangels Interesse des Publikums) denn ausserhalb der Abstimmungsarenen eine steuerrechtliche Diskussion in der Arena führen?

  2. ZOLLET

    HERR Wermuth
    ICH HABE IHRE ARGUMENTE AFMERKSAM GELESEN! DABEI IST MIR AFGEFALLEN IN IHREN AUSWERTUNGEN WERDEN ALLE SOZI THEMEN MIT NEUTRAL BEWERTET UND ALLES WAS IHNEN NICHT IN DEN KRAM PASST IST RECHTS. IN MEINEN AUGEN SIND SIE NICHTS ALS EIN HOFFNUNGSLOSER SP…. UND SOLCHE MENSCHEN WIE SIE HABEN IN UNSERER REGIERUNG NICHTS ZU SUCHEN

      1. Peter Griffin

        „Projer hat auf unsere Kritik, sagen wir mal, recht offensiv und wenig verständnisvoll reagiert“ –
        dass ich nicht lache. und was haben sie dann besser gemacht lieber herr wermuth? 

    1. heinz fritschi

      Schrei(b)en Sie nicht so laut in Grossbuchstaben, Herr Zollet, wenn Sie nichts Gescheites zu sagen haben. Aber eben, je weniger Inhalt und Hirn, desto lauter schreien. … eine $VP-Regel …

  3. Willy Gruen

    Das srf hat als Medium journalistIscher Information und Aufklärung seit langem versagt. Reisserische Titel und unausgewogene Berichterstattung gehen mit Entpolitisierung mittels weit überwiegenden Sportberichten Hand in Hand. Dazu wird den Rechtsradikalen und Nationalisten eine kostenlose Plattform mit hoher Reichweite geboten. Die grosse Masse der Leserkommentare sind von Fremdenfeindlichkeit kaum zu überbieten. Dabei sind es i.d.R. zwei Dutzend Schreiber, die ihren immer wiederkehrenden Müll dort abladen, ohne dass das srf etwas dagegen unternimmt. Dieses Medienverhalten fördert aktiv brandgefährliches, rechtsradikales Gedankengut. Das srf versagt völlig, ein umfassendes Bild der Schweizer und internationalen Gesellschaft abzubilden.

  4. Hanspeter Schürch

    Sehr geehrter Herr Wermuth. Ich gehe davon aus, dass mein Schreiben eigentlich nutzlos ist. Ich schreib trotzdem, weil manchmal auch unbedeutende Zwischenrufe, erstaunliche Prozesse auslösen können. Kurzum: Ich bitte Sie freundlich, ab und zu über die Möglichkeit nachzudenken, ob die Verzerrung nicht auf Ihrer Seite liegen könnte.

    Freundliche Grüsse Hanspeter Schürch

  5. Wettler

    An die Medienschaffermissversteher: Am Umstand, dass Medienschaffende auch nur Menschen sind, zweifeln nur die Medienschaffende. Sie sind unfehlbar wie der Papst. Als ehemaliger Bundeshauskorrespondent und Kassensturz-Chef weiss ich, wovon ich spreche.

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