NZZ am Sonntag: Mit doch eher billiger Polemik gegen die AV2020

Die NZZ am Sonntag titelte dieses Wochenende „Rentenreform: Hohe Verluste für Junge bis Jahrgang 1974“ (Online) und „Der grosse Rentenknick beginnt mit Jahrgang 1974“ (Auftakttitel im Artikel). Das ist ein schönes Beispiel, mit welchem Fake-News Teppich wir in dieser Kampagne bereits heute und noch in Zukunft rechnen müssen. Auf Grund der knappen Zeit, einige Bemerkungen im Stichwortverfahren:

    1. Der Artikel ist ein schönes Beispiel, wie man mit Titel und Leads Politik macht. Obwohl die NZZaS selber in zwei von drei untersuchten Kategorien (Frauen und Wenigverdienende) Fortschritte feststellt, vermittelt der Aufriss den Anschein, die Reform sei eine katastrophale Fehlkalkulation. Schon das ist eigentlich Disqualifikation genug (aber leider heute Alltag).
    2. Wir werden in dieser Debatte wohl immer wieder mit dem gleichen Argument konfrontiert werden: „Die Jungen bezahlen mit dieser Reform die Renten der Alten!“. Fakt ist: Das stimmt. Nur ist das dummerweise das grundlegende Prinzip, vor allem der AHV. Das nennt man Generationenvertrag. Im Übrigen findet diese Umverteilung längst auch in der 2. Säule statt. Auch dort werden faktisch laufende Renten aus laufenden Einnahmen bezahlt, das Kapitaldeckungsverfahren verkommt zum Mythos („jede*r spart für sich“). Genau dieser Effekt wird mit der vorliegenden Reform übrigens gemildert. Vor allem aber hat, wer so argumentiert, weder das System der AHV verstanden, noch ihre volkswirtschaftliche Bedeutung. Erstens ist die Finanzierung anständiger Altersrenten kein Gnadenakt der Jungen an die Alten, sondern der Ausgleich von Jahrzehnten von Aufbauleistungen in diesem Land, von denen wir Jungen massiv profitieren. Denken wir schon nur an die die öffentlichen Infrastrukturen, an Verkehr, an das Gesundheitssystem, an die Bildung und so weiter. Und es ist auch ein Abgleich der Leistungen, die Eltern und Grosseltern auch heute noch gerade in Sachen Freiwilligenarbeit und Kinderbetreuung für die Gesellschaft erbringen. Für viele Junge – meine Frau und ich gehören dazu – wären zwei Berufskarrieren pro Familie ohne diese Leistung undenkbar.
    3. Zweitens war die Einführung der AHV das grösste Entlastungsprogramm gerade für die Jungen seit der Gründung dieses Landes – und zwar finanziell, wie auch sozial. Die Jungen wurden damit erstmals in der Geschichte von der „Last“ befreit, sich um ihre nicht mehr erwerbsfähigen Eltern zu kümmern. Ohne diesen Schritt wäre zum Beispiel ein Weg hin zu gleichberechtigten Karrierechancen für Frauen undenkbar gewesen (ja, es ist noch ein weiter Weg). Sie wären heute noch viel stärker, als sie eh noch sind, mit der Pflege der Eltern beschäftigt.
    4. Drittens sind Renten keine Almosen, sondern ein ganz wichtiger Pfeiler um die Früchte der Wirtschaft gerade auch den Jungen zukommen zu lassen. Jede Franken zusätzliche AHV-Rente generiert Konsum und Nachfrage. Und das ist zentral. Vereinfacht erklärt: Die Schweiz exportiert mehr, als sie importiert. Das nennt man Leistungsbilanzüberschuss. Umgekehrt formuliert heisst das aber auch, dass die Schweizerinnen und Schweizer unter ihren Möglichkeiten konsumieren. Die so genannte Binnennachfrage dürfte ruhig stärker sein, das wäre das beste Mittel gegen die unfreiwillige Teilzeitbeschäftigung und die relativ stabile Erwerbslosenquote von ca. 5% (Stichwort: Arbeitslose über 55…). Das Problem, sind nicht zuletzt die Renten. Rentner*innen konsumieren in der Schweiz deutlich weniger als die erwerbsaktive Bevölkerung, fast 20% weniger[1]. Rein statistisch betrachtet, würde eine Angleichung des Konsumniveaus zwischen Aktiven und Renter*innen zu 5% weniger Arbeitslosigkeit führen. Das Problem ist einfach: Die AHV ist zu schwach. Deutschland zum Beispiel lagert viel mehr Kaufkraft über die Rentner*innen wieder zu den Aktiven um. In der Schweiz „versickert“ zu viel Rentenvolumen in der 2. Säule. In Zeiten von Überschüssen bei Unternehmen und Staat ist das aber sinnlos, weil das Geld nirgends angelegt werden kann. Daraus resultiert dann auch der Druck auf den Umwandlungssatz. Darum ist es übrigens auch nur dumm, gleichzeitig Unternehmenssteuern zu senken und staatliche Überschüsse zu schreiben. Wenn weder Unternehmen noch der Staat Geld am Markt mehr aufnehmen müssen, weil sie selber Überschüsse schreiben, weichen die Pensionskassen auf andere Anlagen aus, z.B. Immobilien. Tatsächlich können wir diesen Effekt in den Pensionskassenstatistiken schön nachvollziehen: Gemäss Pensionskassenindex der Credit Suisse betrug der Anteil der Immobilien am Portfolio der Pensionskasse im 1. Quartal 2003 noch 10.1%. 2017 sind es 23.1%. Kurz: Wir bezahlen dann einfach unsere (tieferen) BVG-Rente mit (höheren) Mieten selber.[2] Denken Sie bitte auch daran, wenn ihnen das nächste Mal ein Finanzminister erklärt, ein „ausgeglichener Haushalt“ sei gut für alle…
    5. Und zu guter Letzt, liebe Mit-Junge: Auch wir werden, mit ein bisschen Glück, einmal pensioniert. Damit ist jede Rechnung hin und her Mumpiz. Dann wird man uns so behandeln, wie wir die Alten jetzt behandeln. Und wenn wir in ein paar Jahren vielleicht aus dem Stadium des Entwicklungslandes heraus kommen wollen, was Vaterschaftsurlaub und familienexterne Kinderbetreuung angeht, dann ist es sicher nicht dumm, unseren Teil des Generationenvertrages anständig zu erfüllen.
    6. Zum konkreten: Der NZZ Artikel ist gelinde gesagt anmassend. Der Autor schreibt, die Zeitung habe „verschiedene Beispiele durchgerechnet“ und das mit „neuen Zahlen“. Das ist schlicht gelogen. Das für das Argument der NZZ entscheidende Beispiel des Arbeitnehmers mit Jahrgang 1974 ist 1:1 aus einer vom Bundesamt für Sozialversicherungen erstellten Tabelle abgeschrieben. Der Autor hat gerade mal die Eigenleistung erbracht, die AHV-Beiträge zu je 50% Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen zuzurechnen, bravo! Die Zahlen sind seit das Modell im Parlament verhandelt wird öffentlich hier einsehbar (Dokument „Altersvorsorge 2020 – Auswirkungen auf die Versicherten, nach Alter und Lohnniveau“ unter „Hintergrunddokumente“).
    7. Das Beispiel wird im Dokument sogar vom BSV selber angeführt (Seite 2). Es ist einfach nachzuvollziehen. Auf Seite 4 unter „44 Jahre“ und 84’600 Franken Einkommen (Lohn für AHV-Maximalrente. Ab diesem Lohn ist die Rente gedeckelt). Teilt man die „Mehrbeiträge bis 65 Jahre“ durch zwei (Arbeitgeber und Arbeitnehmer je 50:50), kommt man auf die Zahlen im NZZ Artikel. Der Punkt ist: Es stimmt, dass genau dieser Fall unglücklich ist. Das liegt an der Besitzstandswahrung, die – politisch natürlich willkürlich – ab 45 Jahre festgelegt ist. Ab dann gilt die Garantie der Besitzstandswahrung für das bis zum 31.12.18 angesparte Kapital. Für alle, die genau vorher Geburstag haben, gibt es einen Schwelleneffekt. Das ist aber bei allen Systemen mit Alters- oder finanziellen Grenzen so. Bei Steuern, bei Prämienverbilligungen, etc. Ab einem bestimmten Zahlenbetrag steigt oder sinkt der Anspruch. Das ist völlig normal und liegt an den physikalischen Grundbedingungen auf diesem Planeten. Das Beispiel betrifft eine Person, die genau ein Jahr zu jung ist für die Besitzstandswahrung und den AHV-Maximallohn verdient. Aber auch hier wendet die NZZ einen Taschenspielertrick an. Mit der von ihr zu Grunde gelegten Lebenserwartung von 85 Jahren kommt sie auf einen krass klingenden Rentenverlust von 9’600 Franken. Rechnet man das aber in Tagen um, dann sind es noch 1.30 Franken pro Tag. Vor allem aber: Der Tabelle (letzte Spalte) kann man entnehmen, dass sich die NZZ den einen von zwei Spezialfällen herausgepickt hat und dann glauben lässt, diese Aussage könne man „für die Jungen“ generalisieren (siehe Titel des Artikels). Das ist schlicht falsch, wie jeder und jede einfach nachlesen. Bereits bei einem leicht tieferen Einkommen oder bei ein paar Jahren weniger auf dem Buckel verschwindet dieser Ausnahmeeffekt. Der Autor hat einen Spezialfall herausgepickt, der dem generellen Effekt der Reform diametral zuwiderläuft und baut darauf eine Polemik auf. Viel unseriöser mit Zahlen umzugehen wäre schwierig.
    8. Der Artikel geht auch mit anderen Zahlen weit unseriöser um als die Reform und als zulässig.

      Prognosen zu den AHV-Finanzen und Realität. Quelle: SGB

      Gerechnet werden Zahlen auf eine Lebenserwartung von 85 Jahren. Das heisst bei Jahrgang 1974 glaubt die NZZ Voraussagen machen zu können bis ins Jahr 2059. Das wäre wie wenn man 1975 – also drei Jahre nach der Volksabstimmung zur Einführung der beruflichen Vorsorge (2. Säule) – die Welt von heute hätte voraussagen können. Wer zum Beispiel damals den Untergang der Sowjetunion prophezeit hätte, wäre mit Sicherheit ausgelacht worden. Die Reform ist viel realistischer. Sie rechnet mit einem Horizont von etwas mehr als 10 Jahren (2030) für das Gesamtsystem und 20 Jahren für die Übergangsgeneration. Das heisst, das Parlament wird die Situation der Altersvorsorge ab ca. 2025 neu beurteilen können und müssen. Alles andere wäre unseriös. Tatsächlich hat der Bund früher versucht, Finanzprognosen für die AHV auf Jahrzehnte hinaus zu machen. Das einzige was wir heute mit Sicherheit wissen: Sie lagen alle grob daneben (siehe Grafik, SGB). Nicht weil im BSV jemand böse Absichten gehabt hätte, sondern schlicht, weil das nicht möglich ist. Menschen und Gesellschaften haben es sich so an sich, sich nicht immer brav nach Prognosen zu richten. Mit solchen Zahlenspielereien kann man alles beweisen. Übrigens: Die UBS und andere Privatversicherer operierem in ihrer Studie zur AV2020 ähnlich unseriös. Daniel Lampart hat dazu zwei hervorragenden Beiträge verfasst (hier und hier), genauso wie Ruedi Strahm.

Fakt ist: Ein starkes Rentensystem, vor allem eine starke AHV, entlastet die Jungen. Wer das Gegenteil behauptet hat das System, sorry, einfach schlicht nicht verstanden. Zu allem oben gesamten kommt hinzu, dass die Reform eine bessere Abdeckung für Teilzeitarbeitende in der 2. Säule bringt. Darunter gibt es gerade auch viele Junge. Nicht zuletzt ist das eine zentrale Voraussetzung, damit sich junge Paare Teilzeitjobs und damit eine bessere Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit ohne zu grosse Rentenverluste überhaupt leisten können.

[1] Zahlen sind der Haushaltsbudgeterhebung des BfS 2012-14 entnommen, die Überlegung stammt von Werner von Tobel. Zu Sinn und Unsinn des Kapitaldeckungsverfahrens und der volkswirtschaftlichen Bedeutung der AHV-Renten vgl. hierhier und hier.

[2] Credit Suisse Pensionskassenindex 1. Quartal 2003 (S.3) und 1. Quartal 2017 (S. 7). https://www.credit-suisse.com/ch/de/unternehmen/institutional-clients/global-custody/pensionskasse/pk-index-archiv.html

 

5 Kommentare zu NZZ am Sonntag: Mit doch eher billiger Polemik gegen die AV2020

  1. Ruedi Meier

    Gedanken zur Altersvorsorge
    Interessant, was zu diesem Thema so alles abgeht in der Presse. Heute kann man z.B. im Boulevardblatt lesen, dass nur 2/3 der AHV-Bezüger ihre Rente in der Schweiz ausgeben, der Rest fliesst ins Ausland ab. Das würde dann auch die zusätzlichen Fr. 70.- betreffen.
    Grundsätzlich kann man sagen, die Schweiz hat weltweit eine der besten Altersvorsorge. Ich bin überzeugt, dass unser 3 Säulenmodell sich sehr gut bewährt. Klar performen z.Z. die Säulen 2 und 3 nicht optimal bei den tiefen Zinssätzen. Deshalb aber nur voll auf Säule eins mit Umlageverfahren zu setzen wäre sehr unklug. Die Zinssätze, die momentan so im Keller sind, können sich aufgrund politischer oder wirtschaftlicher Veränderung wieder anziehen, sie sind nicht in Stein gemeisselt. Als ich vor 30 Jahren mein Eigenheim kaufte, waren die Hypozinsen z.T. bei 9,5% und jetzt bezahle ich noch 1.04%. Damals hiess es, die Hypozinsen werden auf Werte von 14-15% ansteigen wie das in verschiedenen Ländern üblich war.
    Wenn ein junger Mensch in den Arbeitsprozess eintritt, kann niemand sagen wieviel Rente er 40-50 Jahre später erhalten wird. Genauso wie niemand weiss, was dann für ein Lebensstandard herrscht. Der verschwenderische Lebensstandard wie wir den heute betreiben, ist nämlich auch nicht in Stein gemeisselt. Es vergeht also ein halbes Jahrhundert Weltgeschichte bis der Mensch in Rente geht. Genügend Zeit für viele Veränderungen sowie Auf und Abs.
    Mit den Säulen 2 und 3 kann man in einem Menschenleben recht viel ansparen – vor allem in den guten Jahren. Dieses Geld steht dann auch zur Verfügung, falls der Lebensstandard zum Zeitpunkt der Pensionierung tief ist und die Wirtschaft flaute hat. Die Säule 1 (AHV) mit Umlageverfahren kann nur so viel verteilen wie zum Zeitpunkt des Renteneintrittes erarbeitet wird.
    Es sind alle 3 Säulen wichtig, weil sie die Konjunkturgänge unterschiedlich abfedern.
    Spare in der Zeit, so hast du in der Not! – trifft für Säule 2 und 3 zu.
    Die Fr.70.- für Neurentner, mag ich denen gönnen. Betragsmässig verglichen mit unserem Asylwesen, wäre das ja eh nur das Schwarze unter dem Fingernagel.
    Freundliche Grüsse
    Ruedi Meier

  2. Trachsel

    Cederic Wermuth. Sehr gut geschrieben und sachlich argumentiert. Seit der Einführung der AHV wurde

    das Umlageverfahren angewandt. Damals haben die Einzahlenden auch die Renten der

    Bezüger/innen bezahlt, die nie einen Franken einbezahlt haben. Es ist doch sinnvoll, dass das einbezahlte Geld gleich wieder (nach einer bestimmten Reservebildung zur Absicherung) ausbezahlt wird. BVG wird während 40 Jahren Geld einbezahlt (Inflationsverluste/Anlageprobleme, usw.) und davon wird entweder Rente oder vollständiger Rückzug ausbezahlt.
    Daher bin ich für den Ausbau der AHV und die Fr. 70.– Zuschlag für den Verlust bei der BVG.

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