„Zuerst einmal: Der Arbeitsmarkt ist gar kein Markt… “ Skript zur Rede an der Diplomfeier des Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung, 23.6.17

Skript zur Deutschschweizer Diplomfeier des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung, 23.6.17, Zofingen

Ich möchte beginnen mit einem Dank. Mit einem Dank für das Engagement, dass einerseits das Eidgenössische Hochschulinstitut für dualen Berufsbildung leistet, vor allem aber einen Dank an Sie, liebe Diplomand*innen und Diplomanden. Ich möchte mich bedanken für ihren Einsatz zu Gunsten der Berufsbildung, den sie bisher in mit ihren neuen Diplomen in Zukunft wohl noch vermehrt leisten werden. Die duale Berufsbildung ist, und man kann das nicht oft genug betonen, ein zentraler Pfeiler der Schweizerischen Arbeitsmarktpolitik und darüber hinaus für den sozialen Zusammenhalt in diesem Land. Die duale Berufsbildung gehört zweifelsfrei zu den Stärken dieses Landes, es sichert einem überwältigenden Anteil der Jungen Menschen einen manch anderen Berufsbildungssystemen in Eruopa weit überlegenen Einstieg in das Berufsleben, dank seinem Gleichgewicht dank schulischem und allgemeinbildendem Unterricht und der sofortigen Praxisnähe in den Betrieben und Unternehmen andererseits. Das System hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten stetig weiterentwickelt und dabei immer wieder in – für die gerade mir manchmal etwas gar behäbige Schweiz – als äusserst flexibel und anpassungsfähig erwiesen. Bis zu einem gewissen Grad, kann sich kein Land, auch die Schweiz nicht, einem globalen Strukturwandel entziehen. Ein Strukturwandel der die Berufe und die Berufsbilder selber ganz direkt betrifft, nehmen wir schon nur das Stichwort der der Digitaliiserung – die nebenbei bemerkt, vielleicht seit dem letzten Sommer in den Medien angekommen ist, aber schon lange in der Arbeitswelt. Wie ich selber weiss als jemand, der aus einer Familie mit einer langen Tradition im Drucker- und Grafikgewerbe weiss. Dieser Strukturwandel verändert unsere beruflichen Karrieren. Sie sind weniger linear, vielleicht manchmal weniger planbar, sicher aber von zunemenden Phasen der Notwendigkeit von Weiter- und Umschulungen geprägt, Stichwort Lebenslanges Lernen.

 

Die Bedeutung der dualen Grundbildung wird weiter zunehmen

Aber anders als man vielleicht auf den ersten Blick meinen könnte, nimmt damit, so bin ich eignetlich fest überzeugt, die Bedeutung einer soliden Grundausbildung sowohl in der Volksschule als auch in der Berufslehre nicht etwa ab, sondern zu. Die Anforderungen an Sie als Unterrichtenden und an das System als ganzen, werden weiter wachsen. Die Berufslehre muss die zunehmend flexiblen Karrierewege antizipieren und umso mehr Gewicht auf eine breite, wie qualtiativ hochstehende Ausbildung setzen, um die Chancen und Möglichkeiten zur selbstbestimmten Berufs- und Karrierewahl ihrer Schülerinnen und Schüler so offen wie  möglich zu halten.  Die Schweiz ist hier, so meine ich, auf einem guten Weg. Sie hat in den letzten Jahrzehnten das System auf Durchlässigkeit von der Berufsmatur bis zur Fachhochschule getrimmt und ist weiter daran, sie zu verbessern. Genau das ist das zentrale: Nur ein Abschluss mit Anschlussmöglichkeit wird den skizzierten Herausforderungen gerecht  – und zwar auf jeder Stufe. Ihre Aufgabe ist dabei keine Kleine. Diese Herausforderungen sind mir 100% bewusst. Und ich sage das als jemand, der keine Berufslehre, sondern die Kantonsschule und anschliessend eine universitäre Ausbildung absolviert hat. Wenn ich diese Situationen vergleiche, dann ist ihre Aufgabe oft um ein vielfaches komplexer, denken wir schon nur an die viel diversere Zusammenstellung ihre Klassenverbände.

 

Nicht zur Arbeitsmaschinen, sondern vor allem Bürgerinnen und Bürger

Ja, der Arbeitsmarkt stellt nicht nur Sie, sondern auch die Politik immer wieder vor neue Herausforderungen. Und an einigen dieser Herausforderungen happert es. Denken Sie an die Integration von Flüchtlingen und Vorläufig Aufgenommenen, an die Integration von körperlich Behinderten oder auch und nicht zuletzt an die Integration von älteren Arbeitnehmer*innen. Darum meine ich, macht es Sinn, wenn man den Reformzug auch einmal kurz stehen lässt und einen Schritt zurück macht. Hören wir nochmal genau hin: Der Arbeitsmarkt stellt uns vor grosse Herausforderungen. Ein Satz, der heute kaum jemanden mehr überrascht, nur: Wieso stellt eigentlich der Arbeitsmarkt Anforderungen an uns, und nicht umgekehrt? Oder anders gefragt, wenn ich mal mit diesem Arbeitsmarkt telefonieren möchte, wer kann mir dann seine Nummer geben? Ich stelle immer wieder fest, dass wir die Tendenz haben, wirtschaftliche Prozesse quasi als Naturgesetze zu akzeptieren, denen wir als Gesellschaft ausgeliefert scheinen. Dabei lohnt sich gerade in einer Gesellschaft, die nach wie vor um die Erwerbsarbeit organisiert ist, ein genauer Blick. Zuerst einmal, wenn wir es genau nehmen, ist der Arbeitsmarkt gar kein Markt. In einem Markt können Angebot oder Nachfrage verschieben und der Gleichgewichtspreis reagiert. Sie müsste also, wenn sie flächendeckend die Löhne senken, eine steigende Beschäftigung registieren. Schauen Sie nach Griechenland. Und wenn das Angebot an Arbeitskräften knapp wird, zum Beispiel also die Einwanderung zurück geht, müssten die Löhne rasant steigen. Ein kurzer Blick auf die Reallohnentwicklung und die Nettoeinwanderung der Schweiz in den letzten Jahren zeigt, dass es diese Zusammenhänge so nicht gibt. Betriebswirtschaft ist nicht gleich Volkswirtschaft. Sie können als Unternehmen zwar durchaus die Belegschaft entlassen. Als Volkswirtschaft, als Staat aber, können sie das nicht. Auch eine arbeitslose Bevölkerung bleibt eben da und mit ihre, ihre legitimen Ansprüche und Bedürfnisse. Die Erwerbsarbeit ist eben in unserer Gesellschaft vielmehr, als einfach nur der Ort, wo das Produkt Arbeitskraft gegen den Lohn getauscht wird. Sie ist der Ort, wo viele Menschen einen zentralen Anker ihres Lebens, einen Sinn, soziale Kontakte, Freunde, eine Gesellschaft finden. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind eben viel mehr sind, als nur Lieferanten von Arbeitskraft und Mehrwert, sie sind eben genauso Konsument*innen und vor allem, Bürgerinnen und Bürger. Und in einem demokratischen Staat, sind die Institutionen in Gesellschaft, Politik und eben auch der Wirtschaft Mittel zum Zweck um den Menschen ein glückliches, erfülltes und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen – und eben nicht umgekehrt. Das Versprechen der Demokratie besteht darin, dass wir als Gesellschaft alles können, wenn wir es wollen. Dass es eben gerade keine unausweichlichen Sachzwänge gibt, sondern das wir gemeinsam entscheiden, wie wir leben wollen. Vielleicht ist das in unseren Zeiten die wichtigste Aufgabe von Bildung auf jeder Stufe. Und mit dieser Bitte an Sie, möchte ich abschliessen: Denken Sie daran, dass es auch ihre Pflicht ist, die Lehrlinge nicht nur zur Arbeits-Maschinen auszubilden, die sich immer noch mehr flexibilisieren und selbst ausbeuten um den Ansprüchen gerecht zu sondern. Sondern zu kritischen Mitmenschen, zu Bürgerinnen und Bürgern, die sich ihre Lebens- und Arbeitsumstände nicht einfach aufzwingen lassen, sondern für ihre und die Rechte der anderen auch zu wehren wissen.

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