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„Ab wann ist man von hier?“ Ein Vorwort zum Buch von Ada Marra

Jeder Mensch, der in der Schweiz geboren oder aufgewachsen ist, kennt das. Man ist im Ausland in den Ferien oder auf einer Geschäftsreise und stolpert irgend in einer Einkaufspassage über ein ‹Swiss House› oder einen ‹Swiss Corner› oder so ähnlich. Diese Dinger sehen im Wesentlichen immer gleich aus: Chalet, Käse, Alpen, Schokolade, Heidi und Alphorn. Ich zumindest reagiere meist leicht betreten und etwas unsicher. Natürlich freut man sich ja, wenn die Menschen überall auf der Welt offenbar positive Emotionen mit seinem Heimatland verbinden. Andererseits schwingt immer auch die Gewissheit mit, dass diese Bilder wenig mit dem real existierenden Land zu haben, in dem ich aufgewachsen sind.

Natürlich gehört diese ganze Inszenierung zu einer völlig legitimen Verkaufsstrategie des Schweizer Tourismus. Sie spiegelt aber, so scheint mir, auch eine fundamentale Identitätskrise unseres Landes wieder. Eine Krise, die spätestens in den 1990er Jahren beginnt. Bis dahin gab es hierzulande bei allen Differenzen eine geteilte Gewissheit: Mit dem Rest der Welt, hat die Insel der Glückseligen zwischen Genfersee und Konstanz nichts zu tun. Dann bricht die Wirtschaftskrise und mit ihr die Massenarbeitslosigkeit über das Land herein, das EWR-Nein 1992 reisst neue Gräben auf, und der undenkbare Untergang der Swissair erschüttert das Selbstverständnis einer ganzen Generation.

Anstatt das eigene Selbstbild der neuen, europäischen und globalisierten Realität anzupassen, passiert in der Schweiz aber das Gegenteil: Das manchmal hysterisch anmutende Festklammern an Identitätsvorstellungen einer untergegangenen Schweiz, als alles noch in Ordnung war. Einer Schweiz, wie sie nie war. Dieser Konflikt wird nicht zuletzt immer und immer wieder über die Frage des Bürgerinnen- und Bürgerrechts ausgetragen. Zunehmend, so scheint es, projizieren Politik, Medien und Teile der Bevölkerung die Vorstellung des idealen Schweizers, der idealen Schweizerin, in die Neuankommenden hinein. Sie sollen noch im Metzger im Dorf einkaufen, wenn wir es schon nicht mehr tun. Sie sollen auf der Alp Ferien machen, wenn wir schon Pauschalreisen buchen. Sie sollen die Vereine aus der Personalnot retten um zu beweisen, dass sie integriert sind, wenn wir es schon nicht tun. Sie sollen gefälligst alle fünfzehn Regionadialekte akzentfrei sprechen, wenn wir schon zwischen Romands und Deutschschweizern Englisch sprechen.

Die Revision des Bürgerrechts reisst das Paradox weiter auf: Während sich die Gesellschaft immer stärker pluralisiert und die multiplen Zugehörigkeiten längst zur völlig unhinterfragten Alltagsrealität geworden sind, wird der Rote Pass zum neuen heiligen Gral. Bis vor kurzem galt die Debatte um das Bürgerrecht für die Linke als verloren. Als Ada Marra ihre parlamentarische Initiative für eine erleichterte Einbürgerung der 3. Generation einreichte, hielten das eigentlich alle für einen weitgehend symbolischen Akt. Acht Jahre später sagt das Volk so deutlich Ja zur erleichterten Einbürgerung, dass klar wird: Die Menschen haben die parlamentarische Bubble in Bern längst überholt. Wir lagen alle falsch, Ada nicht.

Mit dieser Volksabstimmung beginnt – hoffentlich – ein neuer Zyklus in der Debatte zur Frage, was die Schweiz eigentlich ausmacht. Ada Marra leistet mit der vorliegenden Schrift einen Anstoss dazu. Einen Anstoss dazu, die hysterischen Debatten hinter sich zu lassen und die Institutionen und Gesetze dieses Landes den Realitäten der Menschen, die hier leben anzupassen. Bleibt nur zu hoffen, dass sie wieder Recht behalten wird.

Cédric Wermuth, Nationalrat, im Dezember 2018

 

Ada Marra: „Ab wann ist man von hier?“ Auf Deutsch erschienen im März 2019 im Zytglogge Verlag.

Die Buchvernissage findet am 12. März, ab 18.30 Uhr im Politforum Käfigtum in Bern statt.

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