Der 1. August gehört abgeschafft – Artikel zum Bundesfeiertag 2010

In zwei Wochen ist es wieder soweit: Wir feiern den 1. August, den Schweizer Nationalfeiertag. Auch ich werde in einer Zürcher Gemeinde die Ehre haben, eine Ansprache halten zu dürfen. Allerdings tue ich das mit gemischten Gefühlen.

Der Gründungsmythos der Schweiz besagt, dass sich „zu Anfang des Monats August“ die drei Gesandten aus Uri, Schwyz und Unterwalden trafen und sich Treue und „Beistand zur Abwehr und Vergeltung von böswilligen Angriffen“ durch fremde Aggressoren schwörten. So zumindest steht es im Bundesbrief von 1291. Der Mythos will, dass sich die drei alten Eidgenossen im Kampf gegen die Österreicher vereinigt und mit dem „ewigen Bund“ den Grundstein für die Schweiz legten. Diese Auslegung des Rütlischwurs ist gelinde gesagt Blödsinn.

Beim Bundesbrief von 1291 – der tatsächlich existiert – handelt es sich um ein Landfriedensbündnis. Solche Bündnisse wurden im 13. und 14. Jahrhundert auf dem heutigen Gebiet der Schweiz Dutzende geschlossen. Das Bündnis der drei Waldstätten zielte vor allem darauf ab, nach dem Tod des deutschen Königs Rudolf I. Rechtssicherheit und Schutz für den Adel und die Oberschichten zu garantieren. Mit einer heroischen Widerstandserklärung an die Habsburger oder gar der Gründung eines Staates hat das Dokument herzlich wenig zu tun.

Heute wird die Tatsache ausgeblendet, dass der Bundesbrief nicht etwa ein Bündnis der Menschen in den drei Ortschaften besiegelte, sondern vor allem der Sicherung der Privilegien der Oberschicht und des Adels diente. Das steht sogar schwarz auf weiss in dem Dokument: „Dass jeder nach seinem Stand seinem Herren geziemend dienen soll“. Mit dem, auf was wir heute in der Schweiz tatsächlich stolz sein können, unsere demokratische Tradition, hat der 1. August nichts zu tun – ganz im Gegenteil. Er entstammt einer Zeit, in der die Mehrheit der damaligen „SchweizerInnen“ in bitterster Armut, in Knechtschaft lebend und ohne die geringsten bürgerlichen, sozialen und politischen Rechte von ihren Herren ausgebeutet wurde. Das ist nicht die Schweiz, auf die ich stolz sein kann und will.

Der Geburtstag der Schweiz ist ein anderer. Am 12. September 1848 setzte die letzte Tagsatzung die erste moderne Bundesverfassung in Kraft und löste sich auf. Sie setze damit den definitiven Schlusspunkt unter den Bürgerkrieg von 1847. Diese erste moderne Verfassung fusst auf einem zentralen Grundgedanken: Nie wieder wollten sich die Menschen wegen kultureller, religiöser, sprachlicher oder politischer Unterschiede Gewalt antun. Der 12. September steht für den Anfang der Demokratie. Eine selbst gewählte und erkämpfte Demokratie. Die Willensnation Schweiz war geboren.

Der 1. August ist nicht das einzige Datum, an dem historische Tatsachen verklärt werden. Gerade in der Zentralschweiz existiert eine ganze Reihe von Gedenktagen an Kriege aus dem 13. bis 15. Jahrhundert, die so genannten Schlachtjahrzehnten. In diesen Schlachten aber kämpften Vasallenheere vor allem für die Privilegien ihrer jeweiligen Fürsten. Mit Freiheitskämpfen hat das wenig zu tun. Und dabei gibt es eine ganze Reihe von Freiheitshelden, die einen Gedenktag verdient hätten: Warum gibt es keinen Gedenktag für die Toten des Generalstreiks von 1918, die für die AHV, das Frauenstimmrecht und die Demokratie starben? Warum gibt es keinen Gedenktag für die Zehntausenden von Soldaten, die zwischen 1939 und 1945 an der Grenze standen und jeden Tag bereit waren, ihr Leben im Kampf gegen den Faschismus zu opfern? Warum gibt es keinen Gedenktag für ihre Frauen, die das Land im Innern vor dem Zusammenbruch bewahrten? Warum gibt es die Tellfestspiele, aber keinen Feiertag für Maurice Bauvaud – den 22jährigen Schweizer Theologiestudenten, der in Namen der Menschlichkeit ein Attentat auf Hitler verüben wollte und dafür hingerichtet wurde?

Diese Menschen und ihre Freiheitskämpfe hätten alle einen Nationalfeiertag verdient, der 1. August hat es nicht. Wir sollten ihn abschaffen und durch den 12. September ersetzen.
Dieser Artikel ist als Kolumne in der Mittelland Zeitung vom 22.7.2010 erschienen.

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