Ein Nachruf auf den Doppeladler: Der Hass der SVP und der Eliten auf die „unten“ und die „anderen“

By Nathan Anderson on unsplash.com

Ich bin ein leidenschaftlicher Fussballfan. Wenn die Nati spielt, leiden meine Nerven Höllenqualen. Und ja, ich finde bei allem Verständis (das bei mir von Tag zu Tag gewachsen ist, je mehr man mitbekommen hat, was im Stadion abging) bis heute die Geste von Shaqiri und Xhaka im Spiel gegen Serbien sagen wir, wenig hilfreich. Aber das ist eine andere Debatte (die man z.B. hier nachlesen kann). Gleich nach dem Spiel gings aber los. Als erster hat SRF-Moderator Salzgeber den Vogel abgeschossen (haha, das Wortspiel). Die beiden hätten sich gegenüber der Schweiz „undankbar“ gezeigt mit dem Doppeladler. Da ist mir der Rest Wurst fast im Hals stecken geblieben, wie bitte was? Seit wann dürfen Migrant*innen nicht mehr sagen, dass sie Migrant*innen sind? Müssen wir uns zwischen dem Kosovo und der Schweiz wirklich entscheiden? Auf Twitter, Facebook und Co. doppelten die Nationalisten aus den Reihen der SVP – mit Unterstützung aus der CVP – innert Minuten nach, man fordere ein klares Bekenntnis zur Schweiz. Mit Verlaub, aber: In welcher Welt lebt ihr? Dazu gibt es mindestens drei Dinge zu sagen.

 

Die Geschichte Jugoslawiens und Albaniens gehört zur Identität der Schweiz – und endlich in unsere Lehrpläne

Erstens, die Geschichte der Schweiz ist, war und wird es immer bleiben eine Migrationsgeschichte. Die Menschen, die nach den fürchterlichen Balkankriegen zu uns gekommen sind (und alle anderen) auch, haben ihr Leben selbstverständlich mitgebracht. Einen Teil davon nehmen ihre Kinder mit, logisch. Das geht allen Migrant*innen so. Tatsächlich ist halt heute die Geschichte Ex-Jugoslawiens und Albaniens Teil der Schweizerischen Identität. Die Biografie der Bäuerin aus dem Emmental ist eine so gutschweizerische, wie die Biografie von Xherdan aus Gnjilane. Ob das jetzt Rickli und Co. gut finden oder nicht. Wir können das nicht leugnen. Wir sollten vielmehr albanische und jugoslawische Geschichte in den Pflichtunterricht an den Schulen aufnehmen. Das demonstrative Desinteresse der Mehrheit für die Geschichte dieser Menschen ist so eklatant, dass Granit Xhaka seine Familiengeschichte zuerst dem englischen Guardian anvertrauen musste, damit sie hierzulande wahrgenommen wurde.

 

Liberale Staaten verlangen keine Loyalität, ja, man muss sie nicht mal mögen

Zweitens: Menschen schwören in liberalen Staaten keinen Treueeid auf Nationen, das mussten sie früher gegenüber ihren Lehnsherren (ein Schelm, wer die Verbindung macht), das müssen sie heute in totalitären Staaten wie Nordkorea. Liberale Staaten sind dazu da, die Rechte ihrer Bürger*innen durchzusetzen, nicht den Bürger*innen Loyalität abzuverlangen. Freie Menschen haben das Recht auf multiple Zugehörigkeiten. Sie sind Frau, Mann, was drumherum, Schweizer*in, Kongoles*in, Christ*in oder nicht, schwul, hetero, Zürcher*in oder Zofinger*in. Wer Kosovar*in und Schweizer*in, Serb*in und Schweizer*in gleichzeitig sein will kann und muss das. Sogar noch mehr: Niemand, der/die den Schweizer Pass hat, muss sich als Schweizerin oder Schweizer fühlen. Darum geht es bei Staatsbürgerschaften nicht. Pässe schützen die Rechte der Menschen, z.B. die Niederlassungsfreiheit. Mehr nicht. Niemand muss patriotische Gefühle entwickeln. Ja, man muss die Schweiz nicht einmal mögen um Schweizerin oder Schweizer zu sein, wenn man nicht will.

 

Der Hass der Eliten und der SVP auf die ökonomisch Schwachen und die kulturell anderen verbindet sich

Drittes liegt die Doppelbödigkeit hier nicht bei den Spielern mit Wurzeln im Kosovo sondern bei jenen, die sich selber für die Vertreter*innen der Bio-Schweizer halten. Seien wir ehrlich: Albaner und Kosovare steht im öffentlichen Diskurs der Schweiz primär immer für schlechtes. Wir assozieren damit selten spontan die führenden Eliten des Landes. Kann man jetzt lang rumschreien, wir wissen alle, dass das stimmt (gilt übrigens genauso für Türke und Jugo). Sie kriegen täglich zu spüren, dass sie eben doch nicht ganz dazu gehören. Das gilt vielleicht nicht für alle Schweizer*innen, aber für die Mehrheit der veröffentlichten Meinung und die rechte Mehrheit in Bern zumindest sicher. Tatsächlich ist die wirtschaftliche Situation der kosovarisch- und serbischstämmigen Bevölkerung in der Schweiz dann auch schlechter als der Durchschnitt. Die Wahrnehmung ändert sich, je nach dem, wo die Personen in der sozialen Hierarchie stehen. Jedes Mal, wenn es um Kriminalität oder Sozialhilfebezug geht fordert die SVP (und leider in ihren Schlepptau die ehemalige Mitte), dass alle Betroffenen ihre Staatszugehörigkeit und Herkunft offenlegen müssen – am liebsten zurück bis 1291. Gegen unten ist diese Differenzierung von den „richtigen“ Schweizer*innen also offenbar ganz wichtig. Wenn sie aber dann in der Nati Tore schiessen, also Erfolg haben, sollen sie bitte ihre doppelte Zugehörigkeit verstecken. Dann sollen sie bitte das Modell der erfolgreichen Assimilation sein. Hier verbindet sich der Hass der Elitenpartei SVP auf die ökonomisch Schwachen „unten“ und die kulturell „anderen“  – der Kern der autoritären Ideologie der Rechten – beispielhaft.

 

7 Kommentare zu Ein Nachruf auf den Doppeladler: Der Hass der SVP und der Eliten auf die „unten“ und die „anderen“

  1. Daniel Andres

    Leider stimmten auch viel Linke und ganz Linke in den Chor ein und bezeichneten den Doppeladler als faschistisches Symbol und somit Xhaka und Shaquiri als (unbewusst) Sympathisanten den Faschismus. Da wurde unendlich viel in die doch recht spontane Geste hinein interpretiert, bis zur Demonstration für Gross-Albanien. Dabei ging es wirklich nur darum, dass die zwei Nati-Spieler sowohl Schweizer sind als auch kosovarische Wurzeln haben (gegenüber schon faschistischen serbischen Hooligans).

  2. Gysin

    Guter Text, danke Herr Wermuth.

    Ganz erhlich: Ein kleines bisschen Schadenfreude konnte ich mir schon nicht verkneifen darüber, dass die Schweizer Goalgetter es geschafft haben mit einem Streich sowohl die Schweizer Nationalisten wie auch die Serbischen Nationalisten auf die Palme zu bringen. 😉

  3. Ruedi Meier

    Grüezi Herr Wermuth
    Zurück von den Ferien habe ich Ihre Tschutistory gelesen! Ich bin in Bülach nahe dem ehemaligen Fussballplatz aufgewachsen. Als ich noch ein Kind im Vorkindergartenalter war, gingen wir sonntags immer nach dem Essen spazieren. Dabei kamen wir oft am Fussballplatz vorbei. Zweimal waren verschiedene Personen in grobe Handgreiflichkeiten verstrickt. Ich erinnere mich an einen Mann, der am Boden kauerte und dem roter Schaum vom Kopf lief und aus den Ohren blutete. Ich konnte das damals noch nicht genau einordnen als 5jähriger. Jedenfalls hat mich nach diesen Ereignissen Fussball überhaupt nie interessiert. Als ich etwa 16 Jahre war, hatte mir meine Mutter erklärt, dass dem Mann damals eine volle Bierflasche auf dem Kopf zerschlagen worden war und er einen Schädelbruch erlitten hatte. Vor etwa 12 Jahre war ich abends in Zürich in einen Zug eingestiegen um nach Baden zu fahren. Unglücklicherweise war der voll mit Fussballfans aus Basel die in Zürich einen Match besucht hatten. Die Fahrt dauerte zwar nur etwa 17 Minuten – für mich waren es die längsten meines Lebens, so aggressiv haben sich diese Leute aufgeführt.
    Fussball ist für den Liebhaber sicher ein interessantes Spiel – bloss es regt leider die niederen Instinkte und Triebe des Menschen an und treibt die Adrenalinausschüttung übermässig an. Deshalb gleicht die Siegesfreude meist eher der einer gewonnen Schlacht, als der eines gewonnen Spieles! Die Auswüchse von Gewalt sind echt eine Tragödie und eine Unzumutbarkeit für die Sicherheit und die Steuerzahler. Leider werden diese Auswüchse immer noch nicht richtig streng bestraft!!! Scheinbar bekommt der Fussball jetzt auch noch eine politische Note.

    Jetzt noch etwas zu Ihrem Statement, welches meiner Meinung nach mit besagtem Fussballspiel nichts, aber auch gar nichts zu tun hat:
    Liberale Staaten verlangen keine Loyalität, ja, man muss sie nicht mal mögen.
    Niemand, der/die den Schweizer Pass hat, muss sich als Schweizerin oder Schweizer fühlen. Darum geht es bei Staatsbürgerschaften nicht. Pässe schützen die Rechte der Menschen, z.B. die Niederlassungsfreiheit. Mehr nicht. Niemand muss patriotische Gefühle entwickeln. Ja, man muss die Schweiz nicht einmal mögen um Schweizerin oder Schweizer zu sein, wenn man nicht will.

    Wenn ein von uns im Aargau gewählter Nationalrat so eine Aussage macht, verstehe ich die Welt nicht mehr!?!
    Ich frage Sie:
    Möchten Sie in einem Staat leben, deren Bürger den Pass nur wegen seinen Vorzügen wollen aber den Staat grundsätzlich nicht mögen und deshalb keine Loyalität zu ihm zeigen?
    Möchten Sie Personen mit genau diesen Eigenschaften einbürgern?
    Glauben Sie, dass ein Staat so eine rosige Zukunft hat?
    Ist eine Mitgliedschaft bei der SP unter diesen Bedingungen auch gewünscht oder möglich?
    Zu wem oder was sind Sie eigentlich loyal Herr Wermuth?
    Freundliche Grüsse
    Ruedi Meier

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