Glaube keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast – zum Umgang des Tagesanzeigers mit Verteilungszahlen

topelement_zoomable_grafiksozialhilfequote-1Bekanntlich soll man ja nur Statistiken glauben, die man selber gefälscht hat. Es hilft dann allerdings, wenn die gefälschten Zahlen wenigstens einigermassen glaubwürdig sind. Dem Tagesanzeiger ist eine solche Übung letzte Woche entglitten. Beim Versuch, eine Studie der neuen Stiftung CH 2048 zu zitieren, wurde der Wunsch zum Vater (oder Mutter) der Statistik.

Dabei müsste schon der grundlegende Befund in der Redaktion alle Alarmglocken läuten lassen: Tagi-Redaktor David Schaffner behauptet in seinem Artikel im vollen Ernst, dass Haushalte, die knapp 1000.- Franken pro Monat verdienen, am Schluss finanziell praktisch gleich gut dastehen wie solche, die 12’000 Franken im Monat verdienen. Laut Tagi geht es ersteren also besser als der gesamten „Mittelklasse“ mit Haushaltseinkommen bis 100’000 Franken im Jahr. Ich weiss nicht, aber hat sich keiner in der Redaktion die Frage gestellt, ob diese ultrakrasse Rückverteilungswirkung nicht eventuell schon mal jemandem vorher hätte auffallen müssen? Die Stiftung CH 2048 schliesst zusammen mit dem Tagi daraus, dass der Rückverteilungsmechanismus des Staates falsch eingestellt sei und es Reformen bräuchte, um das „Anreizsystem“ zu korrigieren. An dieser Analyse sind mehrere Punkte problematisch.

Die zweifelhafte Verwendung von Statistiken…

1. Die Daten: Die Untersuchung stützt sich auf die so genannte Haushaltsbudgeterhebung HABE des Bundes. Diese deckt knapp 0.3% der Bevölkerung ab.  Schon alleine diese ungenügende Abdeckung sollte vernünftige Wissenschaftler oder Datenjournalistinnen davon abhalten, die Zahlen einfach so zu verwenden.  Zudem taugt die HABE genau für die Aussage, die der Artikel nicht macht. Durch die kleine Stichprobe sind die „Ränder der Statistik“ untervertreten, die Ergebnisse entsprechend verzerrt. Einfacher formuliert: Es ist genauso unwahrscheinlich bei solchen (meist telefongestützten) Umfragen einen Multimilliardär zu erreichen, wie jemanden, der oder die am absoluten Existenzminimum lebt. Diese Situationen werden also systematisch unter- resp. überschätzt. Der SGB-Chefökonom Daniel Lampart erklärt die Probleme der HABE hier sehr verständlich. Ganz abgesehen davon: Die verwendeten Daten stammen aus dem Jahr 2005 und sind damit gelinde gesagt veraltet.

2. Wenn man Äpfel mit Birnen mischt: Der Tagi-Artikel vermischt gleich zwei Dinge miteinander (das machen zwar viele andere auch, macht es aber nicht besser). Hier zeigt sich, wie man mit schwammigen Definitionen den eigenen Statistiken die gewünschte Aussage quasi mitgeben kann. Er behauptet, die „staatliche Umverteilung“ sei das Problem. Im allgemeinen Diskurs verstehen wir unter „staatlicher Umverteilung“, dass ein Teil der Einkommen (oder Vermögen) von Gutverdienenden zu jenen rückverteilt wird, die weniger gut verdienen. Genau das macht aber die 2. Säule, also die BVG-Renten, nicht. BVG-Renten werden individuell angespart. Die meisten Arbeitnehmenden zahlen jeden Monat auf ein privates BVG-Konto, das Geld kommt dann später auch nur jener Person wieder zugute (Scheidungsfragen jetzt mal weggelassen). Das heisst, BVG-Renten sind keine Umverteilung, sondern aufgeschobenes Einkommen der Arbeitnehmenden (im Übrigen sind genau darum Einkäufe in die 2. Säule ja auch steuerbefreit – sie werden später besteuert. Deshalb ist die ganze Polemik um die angebliche „Steueroptimierung“ einer SP-Nationalrätin völlig absurd). BVG-Renten sind keine staatlichen Transfersleistungen, sondern individuelle Versicherungen. Tatsächlich gibt es einen mehrere Bundesordner füllenden Expert_innenstreit dazu, was jetzt als staatlicher Transfer gezählt werden soll und was nicht. Auch hier gilt: Meist bestimmt die beabsichtige Aussage auch die Definition der Zahlen und Begriffe. Bei Interesse, kann man z.B. hier beginnen. Das zeigt sich schon alleine daran, dass die konkreten Bedingungen, Sätze und Modalitäten von Kasse zu Kasse variieren. In dieser Logik müssten auch Leistungen aus privaten Versicherungen einberechnet werden, was der Artikel aber nicht macht. Zudem mischt die Statistik Menschen im Erwerbsprozess und Rentner_innen ohne im Text darauf einzugehen. Jedem aufmerksamen Beobachter und jeder aufmerksamen Beobachterin fällt in den zum Artikel publizierten Grafiken sofort auf, wie enorm hoch der Anteil von AHV- und BVG-Leistungen gerade bei „kinderlosen Haushalten mit Pensum unter 50%“  ist und wie tief gleichzeitig die entsprechenden Ausgaben sind (Siehe Bild 1). Hier müssten beim Schreiben eines Artikels die Alarmglocken klingeln: Im ersten Dezil (also jenen mit nur 12’000 Franken Einkommen und 54’7000 Franken Leistungen pro Jahr), sind wohl Rentnerinnen und Rentner übervertreten. Deren Einkommen ist aber nicht zwangsmässig tief, sondern es wird einfach nicht (mehr) direkt „am Markt“ erzielt, sondern aus einer Rente. Kurz: Rentner_innen sind in der Statistik (und damit in der Grafik) am falschen Ort. Anstatt in der Mittelklasse (auch nicht alle, aber viele), werden sie fälschlicherweise pauschal in den untersten Dezilen parkiert. Die Benachateiligung der Mittelklassen ist damit kein empirischer Befund der „Studie“, sondern eine logische Folge der (falschen) Zuordnung der Daten. Man kann durchaus Erbwerbs- und Renteneinkommen vergleichen, aber dann muss man das sauber trennen – nicht so wie hier.

… führt zu verqueren politischen Forderungen

Aus dem Artikel wird nicht wirklich klar, was der Tagi will und was die Stiftung will. Klar ist aber, dass die Hauptaussage, die der Artikel anscheinend macht (zumindest mit diesen Zahlen), so nicht stimmt. Das ist an sich schade, weil die Absicht gar nicht schlecht war. Es stimmt tatsächlich, dass insbesondere die eher einkommensschwachen Mittelklassen zu wenig von öffentlichen Leistungen profitieren  und unter den Steuerreformen der letzten Jahre gelitten haben (vgl. für den Kanton Aargau zum Beispiel hier). Allerdings ist es – mit Verlaub – Schwachsinn, deshalb die Mitte gegen unten ausspielen zu wollen. Vor allem dann, wenn – wie der Tagi und die Stiftung selber feststellen – insbesondere die obersten Einkommen explodiert sind. Entsprechend verquer kommen einige der Lösungsvorschläge heraus:

„Individuelles Wohlstandskonto: Für einen Teil der Sozialleistungen sparen die Bürger künftig für sich selber. In guten Jahren legen sie auf die Seite, in schlechten nehmen sie Geld vom Konto.“
Krasser benachteiligen kann man Menschen mit kleinem Einkommen wohl kaum. Diese könnten in guten Jahren nichts zur Seite legen und hätten in schlechten dann… auch nichts.

„Erwerbsabhängige Umverteilung: Gewisse staatliche Leistungen erhält nur, wer arbeitet. Tiefe Einkommen profitieren stärker als mittlere, sollen aber am Schluss nicht besser wegkommen.“
Entweder ist das ein hohles Plädoyer für den Status quo – so erhält zum Beispiel heute schon nur Arbeitslosengelder, wer im Erwerbsprozess ist – oder dann (wenn wir die verwendeten Daten ernst nehmen) eine Aufforderung, den Rentner_innen die Renten zu kürzen. In dubio pro reo hoffen wir schlicht auf ein Missverständnis…

„Einheitssteuersatz: Auf die Progression wird verzichtet, Freibeträge führen dazu, dass tiefe Einkommen nicht unter die Armutsgrenze fallen.“
Die Bundesverfassung legt fest, dass die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes gemäss ihrer „wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit“ zu besteuern seien. Das wäre ein eklatanter Verstoss dagegen. Vor allem aber widerspricht der Vorschlag diametral den Aussagen der Stiftung in Artikel selber: Wenn schon festgestellt wird, dass die Einkommensschere zwischen unten und der Mitte auf der einen und oben auf der anderen Seite aufgeht, dann würde diese Tendenz genau mit diesem Vorschlag noch verschärft.

Abzocker und Mitte vereint gegen unten?

Ganz abgesehen davon überrascht die Kernforderung der Stiftung 2048 – vor allem, wenn man sich die Zusammensetzung des Stiftungsrates anschaut. Demnach soll das Problem der ungenügenden öffentlichen Leistungen für die Mittelklasse durch eine Korrektur der Verteilungswirkung auf die untersten Einkommen korrigiert werden. Der Sozialstaat soll nur noch stratifizierend wirken, sprich: Er darf die ungleichen ökonomischen Verhältnisse nicht mehr korrigieren, sondern muss sie reproduzieren. Oder nochmals anders formuliert: Obwohl, wie der Stiftungspräsident selber feststellt, die obersten Einkommen auf Kosten aller anderen regelrecht explodiert sind („um 15 bis 30%“), sollen die untersten Einkommen Schuld sein an der prekären Situation vieler Mittelklassefamilien? Wir sollten also den Sozialhilfebezüger_innen, den Arbeitslosen oder den IV-Rentner_innen Leistungen wegnehmen, damit sich die Mittelklasse etwas besser fühlt? Wem genau soll damit geholfen sein?

Das ist gelinge gesagt eine wenig progressive Perspektive. Vor allem aber legt sie, wie erwähnt, die Konfliktlinie völlig falsch: Es soll nicht mehr heissen „für alle statt für wenige“ (unten und Mitte gegen Abzocker von oben), sondern „fast alle gegen wenige“ (Abzocker und die Mitte gegen unten). Tatsächlich gibt es das Problem, dass tiefe Einkommen ohne (oder Teil-)Erwerbstätigkeit dank staatlicher Leistungen teilweise über das Niveau von Vollzeit-Erwerbstätigen kommen (vgl. die aktuelle SKOS-Debatte). Aber das liegt an den zu tiefen Löhnen, nicht an den zu hohen Leistungen!

Was also ist das Fazit? Darf man die HABE Daten gar nicht verwenden? Nein, natürlich nicht. Aber das Beispiel zeigt uns mal wieder, wie gefährlich Statistiken sein können. Sie führen, falsch verstanden, gerne auch geradewegs zu verkehrten Schlussfolgerungen. Und wir sollten lernen, dass nur, weil irgendein atemberaubender Expertentitel auf dem Umschlag steht („Ökonom“, „Ökonomin“), der Inhalt noch lang nicht über alle Zweifel erhaben sein muss. Auch die blosse Datenerhebung ist immer bereits eine Interpreation und damit politisch (ein weiteres Beispiel dazu gibt es hier).

In diesem Fall lautet das Fazit: Zurück an die Absender_innen zur Überarbeitung und bei Leuten lernen, die sauber mit Daten umgehen. Gratistipp dazu: Hier schauen.

 

P.s.
Viel strukturierter und detaillierter als ich haben David Gallusser und Daniel Lampart das Problem zusammengefasst.

P.p.s.
Warum auch die auf den ersten Blick interessante Idee der Stiftung einer Besteuerung nach Stundenlohn perverse Effekte hat, führt Patrick Tschudin hier aus.

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