Grundlagenkurs „Wie man mit kreativen Zahlen Stimmung macht – Lektion 2: Aargauer Zeitung“

treIn diesem unfreiwilligen Semsterkurs haben wir uns mit der „kreativen“ Verdrehung von Verteilungszahlen durch den Tages Anzeiger beschäftigt. Heute liefert die Aargauer Zeitung auch ein schönes Beispiel für den Zustand des „politischen Journalismus“ im Land. Sie titelt „Saftige Lohnerhöhung für Beamte“ (Online: „Beim Bund sind die Löhne stärker gestiegen als in der Privatwirtschaft“). Der Artikel von Wirtschaftsredaktor Thomas Schlittler soll belegen, dass die Beamten des Bundes zwischen 2009 und 2013 eine „Lohnerhöhung von 5.6 Prozent innert fünf Jahren“ erhalten hätten. In einem Kommentar versteigt sich ein Bundeshausredaktor sogar zu der Aussage, angesichts des Defizits in der Staatsrechnung 2014 müsste das „unaufhörliche Wachstum bei Personalausgaben und Beamtenlöhnen ein Ende haben“ (S.20). Offenbar haben die Herren Wirtschafts- und Finanzjournalisten in den ersten Stunden Grundlageneinführung Statistik nicht wirklich aufgepasst, wie wir gleich sehen werden.

Der gefrässige Staat

Die neoliberale Erklärung des gefrässigen und hinterhältigen Staates ist eigentlich seit Hayek dieselbe geblieben: Die faulen Staatsbeamten (Frauen kommen in dieser Sprache selten vor) sitzen hauptsächlich auf ineffizienten Jobs rum und warten auf die nächste Lohnerhöhung. Damit kosten sie uns Bürger nur einen Haufen Geld. Abgesehen davon, dass staatliche Leistungen volkswirtschaftlich unabdingbar sind, ist das Argument für die Schweiz besonders absurd. Die Staatsquote der Schweiz ist im internationalen Vergleich rekordtief und im Trend seit 2000 sogar sinkend. Die Kritik internationaler Organisationen geht dann in der Regel auch in die genau umgekehrte Richtung. So kritisierte beispielsweise der IWF (auch nicht bekannt als Geburtsort sozialistischer Propaganda) wiederholt die Unterdotierung der Finanzmarktaufsicht (HSBC lässt grüssen). Genauso offensichtlich ist der Unterbestand beim Personal inzwischen sogar in Kernaufgabengebieten des Staates, wie zum Beispiel bei der Steuerverwaltung oder beim Zoll. Überall mussten in den letzten Jahren notfalllmässig Stellen bewilligt werden, weil sonst die Aufgaben schlicht nicht mehr hätten erledigt werden können. Die Alternative kennen wir auch: Siehe den Informatikskandal Insieme.

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Quelle: Bundesamt für Statistik

 

Passen die Zahlen nicht, biegt man sie halt hin

Schimmer noch aber als die dümmliche Reproduktion neoliberaler Mythen ist das, was heute die Aargauer Zeitung macht. Sie passt nämlich die Auswahl der Zahlen der These des Artikels an – statt umgekehrt. Erstes Beispiel: Durchschnittslöhne und „saftige Lohnerhöhungen“. Nur weil der Durchschnittslohn steigt, bedeutet das noch lange nicht, dass das Personal  von Lohnerhöhungen profitiert hätte. Tatsächlich hat das steigende Lohnniveau in der Bundesverwaltung vor allem mit der zunehmenden Spezialisierung der Ämter zu tun. Sprich: Nicht die Löhne der bestehenden Beamten sind stark gestiegen, sondern das Profil der neu ausgeschriebenen Stellen (was im übrigen der These der Autoren genau zuwider läuft: Der Bund erbringt relativ immer weniger „einfache“ LEistungen, die auch sonst jemand übernehmen könnte, sondern übernimmt immer stärker spezialisierte gesellschaftliche Aufgaben). Aus Durchschnittszahlen lässt sich mit Nichten auf die Behauptung schliessen, es hätten allgemeine Lohnerhöhungen biblischen Ausmasses stattgefunden. Ist wahrscheinlich auf den Folien 1,2 oder 3 der Grundlageneinführung Statistik für jedes beliebige Fach nachzulesen.

Tatsächlich stimmen dann auch die beiden zentralen Aussagen der Aargauer Zeitung nicht: Die Lohnmassnahmen des Bundes lagen weder über jenen der Privatwirtschaft, noch sind die Personalausgaben „unaufhörlich“ gewachsen. Die generellen Lohnmassnahmen des Bundes liegen gemäss UBS-Lohnstudie (nicht unbedingt als linksradikal und staatsfreundlich verdächtig) seit 2000 deutlich unter den Lohnmassnahmen der Gesamtwirtschaft. Wahrscheinlich dürfte die effektive Differenz sogar noch grösser sein. So rechnen die meisten privaten z.B. Bonizahlungen für die obersten Kader nicht in diese Zahlen ein, der Bund aber schon. Zum Beispiel stiegen die Löhne 2013 in der Privatwirtschaft im Schnitt um 0.9%, beim Bund real um 0.5% (von individuellen Lohnmassnahmen einmal abgesehen). Tatsächlich hat der Bund damit die im Budget vorgesehenen Mittel für Lohnmassnahmen sogar unterschritten.

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Quelle: Eidgenössisches Personalamt

Genauso wenig stimmt die Aussage, die Ausgaben für das Personal seien übermässig gewachsen. Selbstverstädnlich kann man den Personalbestand des Bundes 2015 nicht mit jenem von 1848 vergleichen. Dazwischen ist die Bevölkerung etwas gewachsen und unsere Gesellschaften haben sich entwickelt. Es ist also nicht einfach eine andere Art der Darstellung, sondern völliger Chabis, absolute Wachstumsraten anzugeben. Natürlich hat die Migros heute mehr Angestellte als zu Zeiten Duttweilers – aber nicht weil der Verwaltungsapparat ineffizient aufgebläht worden wäre, sondern weil die Firma (zum Glück) gewachsen ist. Genau gleich verhält es sich beim Bund. Ausserdem ist das Wachstum der Personalausgaben des Bundes stark nachfragegetrieben: Das Volk bestimmt mit seinen Abstimmungs- und Wahlentscheiden, welche Aufgaben das Parlament der Verwaltung zuweist. Nimmt man die richtigen Zahlen, also den Personalaufwand im Verhältnis zu den gesamten Bundesausgaben, zeigt sich ein ganz anderes Bild: Der Personalaufwand ist zwischen 2004 und 2013 stabil zwischen 8 und 9% – faktisch liegt er 2013 sogar leicht tiefer als 2004. Tatsächlich ist das Personalwachstum des Bundes sogar unterdurchschnittlich: Während, wie die Aargauer Zeitung angibt, die Zahl der Bundesangestellten 2009-2013 um 2.5% gewachsen ist, hat die Zahl der Erwerbstätigen in der gleichen Zeit um fast 6% zugenommen (Durchschnittszahlen II. Quartal 2009 und IV. Quartal 2013). Das Wachstum des Bundespersonals ist also nicht über-, sondern unterdurchschnittlich. Das wird – logo! – verschwiegen.

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Quelle: Eidgenössisches Personalamt

 

Fazit: Weder stimmt, was die Aargauer Zeitung schreibt, noch liessen sich die gemachten Aussagen mit den gewählten Zahlen belegen. Viel weiter daneben kann man gar nicht liegen. Die Frage sei erlaubt: Hat sich überhaupt einer der Autoren seriös mit der Datengrundlage beschäftigt? Die Antwort darauf kennen wohl nur die Autoren selber.

P.s.
Ein besonders perfides Mittel um Zahlen „gerade zu biegen“ liegt oft – wie auch hier – dann auch in der grafischen Darstellung. Wenn man die Skalen der Grafiken nur eng genug zusammendrückt, dann sieht sogar ein Personalanstieg von knapp 2.5% über 5 Jahre explosionsartig aus. Vergleiche dazu die Grafiken in der Aargauer Zeitung [PDF].

P.p.s.
Im Laufe der Twitter-Debatte wurde verschiedentlich auf den ebenfalls heute publizierten Artikel im 20 Minuten verwiesen „Bundesbeamte verdienen mehr als Bankangestellte„. Dieser Artikel von Claudia Landolt ist im Wesentlichen eine Abschrift eines älteren Artikels der Handeslzeitung. Auch hier sind nicht tatsächlich überrissene Löhne beim Bund der Grund für die Differenz, sondern schlicht nicht vergleichbare Statistiken. Die Zahlen für den Bankensektor entspringen einer Online-Umfrage des Bankenpersonalverbandes. Das heisst, die Teilnehmer_innen repräsentieren schon mal nur einen Ausschnitt der Branche. Die Teilnehmerzahl wird mit 3745 Personen angegeben. Bei insgesamt fast 106’000 Bankmitarbeiter_innen in der Schweiz macht das also knapp 3.6% der Beschäftigten aus. Beim Bund handelt es sich hingegen um eine Vollerhebung, d.h. es sind wirklich alle Löhne des Bundespersonals darin enthalten (zu den methodisch notwendigen Ausnahmen siehe unten). Zweitens verzerren mindestens zwei Grössen die Zahlen des Bankpersonalverbandes: Darin enthalten sind Löhne von Lehrlingen, gleichzeitig fehlen die Löhne der Topkader – Brady Dougan hat den Fragebogen sicher nicht ausgefüllt. Die Bundeserhebung umfasst im Unterschied dazu das gesamte so genannte „Stammpersonal“. Das heisst die Topkader sind bis ganz zuoberst drin, die „Sonderfälle“ mit ausserordentlich tiefen Löhnen, also Praktikanten, Lehrlinge und das zu lokalen Konditionen im Ausland angestellte Personal (z.B. auf Botschaften oder Konsulten), wird herausgerechnet. Damit muss der Bund in diesem Vergleich die höhere Löhne ausweisen – alles andere würde auf gröbere statistische Fehler hinweisen. Beide Erhebungen kann man legitimerweise und mit guten Gründen genauso wie gemacht durchführen – aber vergleichen lassen sich die Zahlen nicht.

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