Kurz notiert: Géraldine Savary in der Sexismusfalle

In einem Kommentar der Aargauer Zeitung kritisiert der Autor Peter Rothenbühler die Ständerätin Géraldine Savary für einen Aufritt in der Sendung „120 Minutes“ des Westschweizer Fernsehens. Savary wurde in der Sendung als Teil eines Spiels gefragt, wie schwer die Brust der Schauspielerin Stormy Daniels wiege. 750g, 300g oder 3.4 kg. Der Kommentar kritisiert Savary dafür, dass sie die Frage beantwortet hat und nicht empört davon gelaufen ist. Wörtlich: „Darf man sich deshalb über sie [Stormy Daniely] und ihre Brüste locker lustig machen? Offenbar schon. Géraldine Savary war Stargast der Sendung, sie ist eine Linke, eine Feministin. Also eigentlich eine Persönlichkeit, die politisch geimpft sein sollte gegen primitive Machowitze. Aber nein, am letzten Samstag fand sie es oberlustig, bei diesem sexistischen Spiel lachend mitzuraten. Ohne zu merken, dass sie eigentlich das Studio unter Protest verlassen müsste.“

Tatsächlich wirkt das auf den ersten Blick vielleicht befremdlich. Zugegeben, ich war beim Lesen des Kommentars auch irritiert. Warum wehrt sich eine Feministin nicht gegen diese Frage? Auf den zweiten allerdings nicht mehr. Auf den zweiten Blick stellt sich die Frage, was sie denn hätte tun sollen. Beantwortet sie die Frage und lächelt dazu, macht sie sich der Komplizenschaft schuldig. Sie hat sich nicht gegen Sexismus gewehrt. Dafür wird sie kritisiert. Beantwortet sie die Frage allerdings nicht, wehrt sich, ist empört, dann gilt sie schnell „humorlose, fridige Emanze“. Genau das kennen wir alle aus dem Alltag. Reagiert eine Frau auf einen sexistischen Spruch nicht wie erwartet, ist sie humorlos. Der Punkt ist: Egal, was sie tut, sie macht es falsch. Herrschaft ist, wenn die Herrschenden immer Recht haben und die Beherrschten immer falsch liegen, egal, was passiert. Willkommen, in der sexistischen Gesellschaft.

Ein Kommentar zu Kurz notiert: Géraldine Savary in der Sexismusfalle

  1. C. Luthiger

    Danke, Herr Wermuth, für diesen Kommentar. Es ist ein ständiges Thema sowohl für Frauen wie aber auch für Männer wie mit solchen Situationen umzugehen ist. Es ist tatsächlich nach wie vor Usus als humorlos, zickig oder natürlich frustriert abgestempelt zu werden wenn man nicht über jedes  noch so banale Herrenwitzchen lacht. Das immer noch allgemein anerkannte Narrativ das man nun schliesslich gleichberechtigt sei und sich doch bei gewissen Sprüchen und Witzen mal locker machen soll, ist eine Farce, die völlig ausser Acht lässt, dass gerade diese zementierte Denke eine wahre Gleichberechtigung eben nicht zu lässt. Schade, dass auch viele Frauen nach wie vor in dieses Horn tröten und anderen Frauen zT. sogar in den Rücken fallen (nun, hab dich doch nicht so… ist doch lustig… ich kann doch emanzipiert sein und trotzdem keine Zicke…) und damit leider mithelfen diese Strukturen mit aufrecht erhalten. Das Problem sind nicht einzelnen Sprüche, Flirtereien, mal ein doofer sexistischer Spruch oder die seichten Fragen in einer TV-Show, wie immer wieder kolportiert wird (..man wird ja wohl noch einen Witz, ein Kompliment machen dürfen…bald darf man die Frauen nicht mal mehr anschauen, etc.), das Problem ist das gesellschaftliche Gefüge, das diese Maxime nach wie vor verinnerlicht hat und für „normal“ hält. In diesem Sinn befremdet mich tatsächlich das Verhalten von Frau Savary auch, aber was ich ablehne ist, dass andere die Deutungshoheit darüber übernehmen wie die gefälligst „korrekte“ Reaktion denn hätte sein sollen. Schade, dass wir uns 2018 mit solchen Selbstverständlichkeiten noch rumschlagen müssen….(und nein, ich bin weder frustriert noch frigide und ich flirte sogar gerne und freue mich auch über ein ehrliches Kompliment…wer den Unterschied zwischen dem und dem was mit „sexistisch“ gemeint ist, nicht versteht, wird wohl leider gegen Erklärungsversuche ziemlich resistent sein.)

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