Von Subventionen, Leistungsträgern, der Kunst und der Menschlichkeit: Rede an der Beitragsfeier 2017 des Aargauer Kuratoriums

Geschätzte Damen und Herren,

es ist mir eine Ehre, heute hier an der Beitragsfeier des Aargauer Kuratoriums zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ganz besonders freut es mich natürlich, dies in meiner alten Wahlheimat Baden zu tun. Allerdings muss ich Ihnen sagen, ist ihre Einladung ein gewisses Wagnis. Es wurde wohl noch kaum jemals diese Rede von einem grösseren Kulturbanausen gehalten, als von mir. Mein Sinn für Ästhetik ist derart unterentwickelt, dass mich meine zweieinhalbjährige Tochter dann und wann bittet, jetzt doch mit dem Singen wieder aufzuhören, weil sie dann bessere einschlafen könne. Und zweitens ist es ein Risiko, weil Sie mir erlaubt haben frei zu sprechen. Ich schätze das sehr. Bei den meisten Feiern muss man heute ja die Rede irgendwie einen Monat vorher für den Veranstaltungsprospekt abgeben. Dabei heisst es ja eben Rede und nicht Vorlesung. Und manchmal bilde ich mir ein, dass im spontanen Reden ja ein Funken Kunst stecken könnte. Vor allem aber birgt dies die Gefahr, dass ich meine Redezeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit überschreiten werden.

Nun, mein Zugang zu Kunst und Kultur ist nicht ausschliesslich, aber doch stark ein politischer, das dürfte Sie wenig überraschen. Als Mitglied der nationalrätlichen Finanzkommission, das ich vier Jahre lang war, aber jetzt auch als Co-Präsident der SP Kanton Aargau, habe ich viel um Kunst und Kultur gestritten. Dann meistens unter dem Titel der „Kultursubvention“. Subvention, das kommt vom lateinischen subvenire. Subvenire, subveni, subvenio, subventum, wie ich als alter Lateiner natürlich weiss. Also ehrlich gesagt musste ich es nachschauen. Subvenire also, unterstützen, Hilfe leisten, in zweiter Bedeutung auch einem Übel Abhilfe leisten. Spricht man also von einer Subvention geht man davon aus, dass es sich hier um Gelder geht, das jemand erwirtschaftet hat um jemand anderes damit zu unterstützen. Man geht davon aus, dass es ins unserer Gesellschaft produktive Gruppen gibt und weniger produktive, oder gar unproduktive. Dahinter steht die Vorstellung einer Wirtschaft und einer Gesellschaft unter dem Titel der „Leistungsgesellschaft“ und ihrer „Leistungsträger“. Ja, meist männliche, ältere Herren in teuren Anzügen in den Chefetagen grosser Konzerne, die ihren Erfolg am Stand ihres Bankkontos ablesen können. Ihrem Fleiss und Geschick, so die Erzählung, haben wir den Reichtum zu verdanken, mit dem wir uns dann eben später Luxusgüter wie den Sozialstatt oder eben Kunst und Kultur leisten können.

Bereits Brecht hat diese Sicht auf die Gesellschaft hinterfragt, wenn er sich 1935 in seinen „Fragen eines lesenden Arbeiters“ eben fragt, ob Cäsar, wie es in den Geschichtsbüchern steht, ganz Gallien wirklich alleine geschlagen hat. Oder ob er nicht vielleicht doch wenigstens einen Koch dabei gehabt hatte. Die Geschichtsschreibung der herausragenden Leistungsträger war damals und ist heute eine Anmassung. Hatten die „Leistungsträger“ nicht auch einmal eine Mutter oder einen Vater, der oder die sich um sie gekümmert hat? Hatten sie nicht Lehrerinnen und Lehrer, die ihnen die Grundlagen der Bildung vermittelt haben? Haben sie nicht wenigstens eine Informatikerin im Geschäft, die die ganze Digitaltechnik zum Laufen bringt? Haben sie nicht wenigsten einen Chauffeur, der sie von A nach B bringt? Bauen sie ihren Erfolg nicht auf Jahrzehnten von Vorinvestitionen von Generationen auf? In Bildung, in Infrastruktur, in Gesundheit, in Telekommunikation?

Meine Damen und Herren, die Realität ist genau umgekehrt, als uns der allgemeine Diskurs gerne glauben macht. Es ist nicht so, dass individueller Erfolg den Reichtum schafft, den wir dann verteilen. Sondern es ist vielmehr gemeinsame, soziale, kollektive Arbeit, die Reichtum schafft, der dann privat angeeignet wird.

Wenn wir aber also in einer arbeitsteiligen Gesellschaft leben, was ist dann, wenn überhaupt, Aufgabe von Kunst und Kultur? In ihrem diesjährigen Jurybericht lässt sich eine Antwort lesen: Aufgabe der Kunst sei es, „Seismograph des Alltages“ zu sein. Ich bin nicht sicher, ob diese Beschreibung so bescheiden stimmt. Es gibt ein schönes Zitat, das je nach Quelle Marx, Brecht oder Majakowski zugeteilt wird: „Kunst ist nicht der Spiegel der Wirklichkeit. Sondern sie ist der Hammer, mit dem die Wirklichkeit bearbeitet wird.“ Oder wie Schiller in seiner Verschwörung des Fiesco zu Genua eben diesen Fiesco etwas weniger martialisch aber dafür umso schöner zum Maler Romano sagen lässt: „Kunst ist die rechte Hand der Natur. Diese hat nur Geschöpfe, jene hat den Menschen gemacht“ (2. Akt, 17. Auftritt).

Was Schiller wohl sagen will: Kunst- und Kulturschaffende sind Arbeiterinnen und Arbeiter am Bewusstsein der menschlichen Gesellschaft. Kunst und Kultur, die mehr ist als Auftragsarbeit, konstituiert erst das, was wir Öffentlichkeit und Gesellschaft nennen. Es ist der Ort, wo wir über diese Gesellschaft verhandeln. Wo wir aushandeln, was Ästhetik ist und was nicht. Wo wir Regeln aushandeln, abstecken, was möglich sein kann und was davon möglich wird. Wo wir über diese, unsere Gesellschaft reflektieren, debattieren, sie kritisieren. Ja, ich würde sogar soweit gehen und sagen, ohne Kunst und Kultur keine wahrhaft menschliche Gesellschaft. Ein Blick in die Geschichte gibt mir, so glaube ich, Recht: Es gibt keinen modernen Aufbruch in der Geschichte der Menschheit ohne einen Aufbruch der Künste. Von der Renaissance, über die bürgerlichen Revolutionen bis zu den Freiheitsbewegungen des 20. Jahrhunderts. Immer war die kritische, freie, politische Kunst davor, dabei, danach. Und umgekehrt gab es keinen Totalitarismus, der nicht immer gleich zu Beginn, die freien Künste zu beschränken suchte. Und so gesehen ist die Vorstellung, es gäbe Kunst- und Kulturschaffen nur, weil es den Leistungsträger gäbe, absurd. Es ist genau andersrum: Es gibt den Leistungsträger und seine Gesellschaft nur, weil unter anderen Sie, die Voraussetzungen überhaupt erst schaffen.

Exakt an diesem Punkt kann einem Angst und Bange werden, wenn wir unsere Welt 2017 betrachten. Ich muss bei diesem Gedanken immer Lachen: Können Sie sich erinnern, wie wir vor etwas mehr als 15 Jahren dachten, George W. Bush sei jetzt aber ganz sicher das schlimmste, was unsere Generation als US-Präsidenten wird erdulden müssen? Wie haben wir uns getäuscht. Und ich ertappe mich dabei, dass ich ihn mir – als Republikaner – manchmal zurück wünschen würden. Es ist aber nicht nur in den USA. Der neue Autoritarismus ist flächendeckend zurück. Denken Sie an den religiösen Fundamentalismus und Terror. Schauen Sie nach Osteuropa, Ungarn, Tschechien, Polen. Schauen Sie die Wahlen an in Frankreich oder Deutschland. Und ja, auch in der Schweiz. Und es ist kein Zufall, dass es dieselben Programme und Politiker sind, die die Notwendigkeit und Freiheit einer öffentlichen Kultur und Kunst in Frage stellen, die gleichzeitig die auch die pluralen Lebensentwürfe in der Gesellschaft und unsere humanitäre Verpflichtung in Frage stellen. Sie tun dies, bar jeden Geschichtsbewusstseins, weil sie glauben, die Menschen legitimierweise wieder in produktive und unproduktive, in wichtiger und weniger wichtige einteilen zu dürfen.

Liebe Kunstschaffende, denken Sie daran, wenn Sie weiter an ihrer Kunst arbeiten. Lassen Sie uns ihr Feuer spüren, bereichern Sie diese Welt mit ihrer Kreativität. Und fordern Sie die Anerkennung ein, die ihnen dafür zusteht. Aber tun Sie das niemals nur im plumpen Partikularinteresse. Sondern im Namen des höchsten Gutes, das die Geschichte der Menschheit bereitstellt: Der Menschlichkeit an sich.

 

Diese Rede wurde frei gehalten. Es handelt sich hier um ein Gedankenprotokoll.

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