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Sind wir eigentlich bescheuert? – Eine Antwort an Ruedi Strahm

thLieber Ruedi,

Ich bin ja immer für Anti-Establishment-Politik zu haben. Nur sollten man dann auf die wirklichen Eliten zielen, nicht auf die falschen. Du verzweiflest manchmal an weltfremden, linken Diskursen. Ja, ich auch. Und ja, das darf man kritisieren (tue ich ja auch). Und ja, ich rege mich auch mit dir über jene auf, die uns jetzt sagen, wir sollten doch das mit der Ökonomie vergessen, das sei von gestern (ist es leider nicht – Macht fällt doch nicht „diskursiv“ irgendwo vom Himmel… Himmelherrgott…). Aber: Diese Welt wird nicht von Philosophiestudentinnen und Lehrern regiert. Dein Anti-Intellektualismus versperrt dir hier glaube ich die klare Sicht. Unsere Welt wird regiert von einer selbst ernannten Wirtschaftselite, lieber Ruedi. Sicher, die Linke hat Fehler gemacht und macht Fehler, da bin ich ganz bei dir (wer ohne Schuld ist, ihr wisst schon…). Ja, ein Teil der Linken fühlt sich fatalerweise immer wieder zu dieser „Elite“ hingezogen. Nur, ganz ehrlich: Ich bin nicht sicher ob jene Strömung in der Partei, die du repräsentierst, da so ganz unschuldig ist… Und ja sicher, mit 19% Wählerinnen_anteil müssen wir daran arbeiten wieder stärker zu werden, keine Frage. Gerade auch bei den Menschen, die sich heute offenbar von unserer Partei nicht mehr vertreten fühlen. Du hast Recht, wenn du sagst, diese Menschen als „deplorables“ zu verlachen sei dumm und arrogant. Sehr dumm sogar. Aber diese Menschen ernst nehmen, heisst eben auch, rassistischen, fremdenfeindlichen und sexistischen Weltbildern entschieden und auf Augenhöhe entgegen zu treten (ja, es gibt einen Unterschied zwischen verstehen wollen und legitimieren). Unsere Wut (und unser Verständnis für diese Wut – ja es gibt einen Unterschied zwischen die Wut erkennen und ihre Richtung gutheissen) sollte sich an den richtigen Adressaten richten. Und das ist Davos, Wallstreet, Trump-Tower, Paradeplatz, SVP – gegen ihre Politik der Entmachtung der Demokratie und der Verachtung der Menschen. Und gegen FDP, CVP für ihren Opportunismus. Das ist die gescheiterte „liberale Elite“. Damit das auch mal gesagt ist.

Wir sollten weiter daran arbeiten zu verstehen, was passiert ist und was passiert. In den USA mit Trump, genauso wie in Ungarn und Orban, Deutschland und Pegida, SVP in der Schweiz. Und ja, sicher hat das mit einer Blindheit für die realen Folgen der neoliberalen Globalisierung zu tun. Und ja, der Kontrollverlust ist real. Und ja, darum sind auch nicht alle SVP-Wähler_innen einfach hinterwäldlerische Vollidioten. Da bin ich voll bei dir, lieber Ruedi. Und für alle, die das nicht verstehen: Mit vielen von diesen Menschen bin ich – „auf dem Land“ –  aufgewachsen. Ich habe mit ihnen Fussball gespielt und meinen ersten Bierrausch verdaut. Und auch wenn ich nicht mehr mit jedem einzelnen von ihnen meine Ferien verbringe, weigere mich, diese Menschen einfach aufzugeben. Nur: Alle Erklärungen rechtfertigen keine Stimme für eine rassistische, neoliberale Partei der Multimilliardäre. Wir müssen die direkte, persönliche Begegnung und Auseinandersetzung auch mit den SVP-Wähler_innen suchen, einverstanden. Aber wir müssen ihnen genauso direkt ins Gesicht sagen: So nicht! Die Anführer dieser neuen Rechten gehören konsequent demaskiert, als das was sie sind: Elitäre, sexistische, rassistische Antidemokraten, die nichts mehr verachten, als „das Volk“, das sie vorgeben zu vertreten.

Klaus Dörre schreibt in einem Beitrag auf theoriekritik.ch: Der neue Rechtspopulismus ist – nicht ausschließlich, aber doch signifikant – eine Bewegung gegen die Zumutungen und Zwänge des Marktes, die von Lohnabhängigen getragen wird und bei Arbeitern und Arbeitslosen auf überdurchschnittliche Zustimmung stösst.“ Er hat absolut Recht. Dann brauchen wir eine Politik gegen Prekarisierung, Ausbeutung und Entfremdung. Das war vor 100 Jahren aktuell und ist es heute immer noch. Leider sogar zunehmend. Das wirtschaftsdemokratische Positionspapier der SP, das du in deiner Tagi-Kolumne so ganz nebenbei erwähnst und mit dem Zweihänder killst, ist genau der Versuch, Wege hin zu einer Wirtschaft aufzuzeigen, die diese Zwänge und Zumutungen nicht schafft. Klar geht es dabei um grundsätzlichere Fragen, um Kapitalismus und Alternativen. Aber ein bisschen Berufsbildung und ein bisschen „soziale Marktwirtschaft“ reichen leider nicht aus.

Und dann sollten wir, letzter Punkt, endlich aufhören, den/die andere/n immer gleich nieder zu schreien, wenn er oder sie die eine, uns wichtige Dimension von Herrschaft und Diskriminierung nicht als die aller, allerwichtigste herausstreicht und fünfmal betont – Rasse, Klasse, Gender. Es geht um alle drei. Wer jetzt das eine oder das andere (in einer laufenden Debatte!) betont, ist gleich ein „Trump-Versteher und verkappter Neo-Nazi“ oder auf der anderen Seite „Verräter an der Working Class“. Sind wir eigentlich bescheuert oder was? Das geht mir langsam aber sicher so richtig auf den Sack. Eine politische Theorie ist eine Einladung zu Kritik und Diskussion, kein Dogma. Wer das nicht versteht, soll Schach spielen gehen. Am Schluss sind wir nur zusammen „die Linke“. Und wir gewinnen und verlieren zusammen: Race, Class, Gender. Freiheit ist ein unteilbares Konzept. In allen drei Dimensionen, nicht nur in einer. Gegen den Kapitalismus, gegen Rassismus, gegen Sexismus. Es geht um Weltbilder, Ideologie, Diskurse und reale Machtverhältnisse. Das gehört alles zusammen. Das eine ohne das andere geht nicht. Gemeinsam besser verstehen lernen, ja, unbedingt. Aber ab sofort auch wieder gemeinsam kämpfen. Am 8. November 2016 hat die Erde gebebt, ja. Aber sie ist nicht untergegangen – noch lange nicht – ¡No Pasarán!

Herzlich, Cédric

 

P.s.
Ich entschuldige mich bei alle, die jetzt finden, ich hätte jetzt hier schon nicht ganz alle Aspekte eines „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ in aller Schärfe dargelegt. I plead gulity.

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