Veränderung beginnt im Kopf: Linkliste zu nicht normativen Kinderbüchern

Ist Ihnen schon mal aufgefallen (ich schreibe meine Texte immer in der vielleicht irrigen Erwartung, irgendjemand, den ich nicht per „Du“ kenne würde Sie vielleicht mal lesen), wie früh wir unsere Kinder zu dem Erziehen, was sie später sein sollen? Insbesondere zu Mann und Frau. Das fällt mir bei meiner zweijährigen Tochter gerade krass auf. Sie hat zum Beispiel relativ wenig und relativ kurze Haare. Je nach dem, was für Kleider sie trägt (also, wir ihr anziehen), ist es für den/die Betrachter_in nicht ganz klar, welches biologische Geschlecht ihm/ihr da gegenübertritt. Es fehlen die gesellschaftsüblichen Geschlechtsmarkierungen (lange Haare= Mädchen). Manchmal fragen die Leute dann nach dem Geschlecht, oder sie nehmen auf Grund der kurzen Haare an, es handle sich um einen Jungen. Wenn wir das Rätsel dann auflösen, folgt wie aus der Pistole geschossen: „Jö, sie ist aber herzig!“ Das bemerkenswerte daran: Die Erkenntnis, dass sie herzig ist (was natürlich stimmt), erfolgt nach der Nennung des Geschlechts, nicht vorher. Weil jedem Gesprächspartner klar ist, dass das man das zu sagen hat, bei Mädchen. Gute Mädchen sind herzig.

Will man Kinder so frei wie möglich von Geschlechterstereotypen und anderen zwar gutschweizerischen, aber leider unschönen Traditionen wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder Homophobie erziehen, ist das gar nicht so einfach, wie man sich das vorstellt. Die Gesellschaft mischt sich eben auch immer dann ein, wenn man es gar nicht will. Aufgefallen ist mir das vor allem – fragen Sie mich nicht wieso – an den Kinderbüchern. Unser Kinderbücher sind unglaublich stereotyp. Jungen fahren Kran und spielen Fussball, Mädchen wollen Prinzessinnen werden und pflücken Blumen. Die Geschichte handelt von einem heterosexuellen Paar Mitte dreissig mit zwei Kindern (Junge und Mädchen) aus der gehobeneren Mittelschicht mit Eigenheim. Themen wie eben Migration, Fremdenfeindlichkeit, Homosexualität, queere Realitäten, Rollenbilder kommen ganz selten vor.

Das haben viel schlauere Menschen schon lange vor mir entdeckt. Seither gibt es eine, wenn auch noch kleine, Bewegung um so genannte „nicht normative“ oder „vorurteilsbewusste“ Kinderbücher. „Nicht normativ“ weil sie versuchen Verschiedenheit aufzuzeigen und nicht irgend eine gesellschaftliche Norm unhinterfragt übernehmen (Mädchen sind so, Jungs anders). Kinderbücher also, die Verschiedenheit, Toleranz, Anderssein, gesellschaftliche Konflikte, etc. nicht aus dem Kinderparadies verbannen, sondern entweder thematisieren (Warum hat Karim eine andere Hautfarbe?) oder ganz natürlich mitnehmen (es gibt schwule Männer und das ist gut so). Und wer jetzt behauptet, dass sei ja ganz schlimm, wenn man den Kindern schon so früh „eine politische Ideologie“ einimpfe, dem oder der sei geantwortet: Es ist gerade umgekehrt. Es ist eine Erziehung, die Geschlechterrollen, Migration, Homosexualität oder Armut nicht thematisiert, die die Realität verkehrt (man lese auch dieses Interview mit Leuten des Nono-Verlages in der Taz).

Weil es, wie ich gemerkt habe, nicht ganz einfach ist als Eltern solche Bücher zu finden, stelle mal meine kurze Linkliste dazu online. Macht ja wenig Sinn, wenn die bei mir in den Notizen verstaubt. Die Veränderung der Welt beginnt bekanntlich im Kopf.

Für jeden Hinweis bin ich dankbar (siehe Kommentarfunktion unten)! Jede gute Buchhandlung, kann Ihnen die meisten Titel besorgen.

  • Zuerst beschreibt Sonja (?) auf dem Blog „Mama Notes“ ein paar Bücher und dann folgen eine Reihe von Links auf Literaturlisten zu verschiedenen Themen. Die sind zwar etwas alt, aber man findet tonnenweise Material zu Autoren, Webseiten, Listen. etc. Wenn man selber googelt, stösst man immer wieder auf diesen Beitrag. Wird von jeder/m zweiten verlinkt, der/die (auf Deutsch) über nicht-normative Kinderbücher schreibt. Sie hat den ähnlichen Beitrag auch hier geschrieben, da verweisen die meisten drauf (im wesentlichen gleicher, aber gekürzter Inhalt).
  • Bücherliste spezifisch zu Flucht, Migration, Rassismus.
  • Der NoNo-Verlag wollte ein Buchverlag für nichtnormative Bücher sein. Offenbar ging das aber betriebswirtschaftlich nicht auf. Die zwei verlegten Bücher können aber weiterhin online bestellt werden.
  • Das Österreichische Staatsfernsehen ORF hat ein paar Tipps zusammengestellt, vor allem zu Rollenbildern und Homosexualität.
  • Die Heinrich Böll Stiftung (politische Stiftung der Deutschen Grünen) hat ein ganzes Dossier zu kritischer Kinderliteratur zusammengestellt. Da muss man etwas Arbeit investieren, ist aber extrem informativ und umfassend. Die Themen gehen weit über die anderen Listen hinaus, so werden auch z.B. auch Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit behandelt.
  • Joke Janssen hat im Rahmen eines Vortrages an der Uni Hamburg eine Liste queerer Kinderbücher zusammengestellt.
  • Die „Fachstelle Kinderwelten für Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung“ des Berliner Instituts für den Situationsansatz hat die wahrscheinlich umfassendste Liste in diesem Bereich zusammengestellt.
  • Auch die „Initiative intersektionale Pädagogik“ hat ganze Arbeit geleistet.

Update 19.5.17: Nachfolgende Links wurden mir nach Publikation dieses Artikels zugestellt. Ich habe sie nicht überprüft. Ich verzichte hier auf die Publikation von Hinweisen zu einzelnen Büchern und Webseiten zu Unterrichtsmaterial. Ihr findet die entsprechenden Hinweise aber unten in den Kommentaren und unter dem Facebook-Post. Herzlichen Dank!

6 Kommentare zu Veränderung beginnt im Kopf: Linkliste zu nicht normativen Kinderbüchern

  1. Bettina Mosca-Rau

    Lieber Cédric
    Ein Thema, das mich auch beschäftigt, danke für die Links.
    Den Kindern, die noch nicht selbst lesen, erzähle ich gerne auch Klassiker frei (Pippi Langstrumpf zum Beispiel, die ja generell eine tolle Identifikationsfigur ist – Annika kann man etwas mutiger machen und die Karriere von Pippis Papi hat gute Gespräche über die Rolle der „Weissen“ angeregt…).
    Auch bei den momentan nur antiquarisch erhältlichen „Miss Harriet“ Büchern von Sue Scullard muss man die Namen (und Miss…) der Personen beim Erzählen anpassen, aber sonst auch dies eine selten frühe Geschichte über eine weibliche Abenteurerin.
    Beliebt sind bei uns die Liselotte-Bilderbücher von Alexander Steffensmeier. Die Kuh ist lustig und ihre Bäuerin eine patente, selbstbestimmte Frau. Wohl recht „normal“, aber eben doch nicht ganz.
    Eine Neuentdeckung für mich zum Thema Krieg und Flucht ist „Das Geheimnis von Pian Forzin“ von St. Gurtner und M. Neuenschwander. Zwei Kinder unterstützen einen Deserteur im zweiten Weltkrieg im italienischen Bergell. Es regt Gespräche an über Krieg, Mut, Gemeinschaft und dem Leben der Menschen früher, aber auch zur Veränderung der Landschaft, gerade wenn die Kinder die Gegend kennen.
    Bei meinem schon selbst lesenden Sohn frage ich öfters mal nach, was er denn über dies oder jenes denkt, das er so liest – oder er spricht es an. Klischees oder steife Rollenzuschreibungen werden ja auch von Kindern als solche erkannt, wenn sie im Alltag etwas anderes vorgelebt bekommen.
    Herzlich, Bettina

    1. Eliane Fischer

      Danke für die Tipps, Bettina! Und den Rest sehe ich genauso wie du. Bücher mit Stereotypen muss man ja nicht unreflektiert vorlesen. Die Stereotypen sollte man ja zuerst im realen Leben durchbrechen, umso besser, wenn es Unterstützung aus guten Kinderbüchern gibt. Die Kinder ziehen ja oft auch daraus, was ihnen besonders gefällt und grenzen sich z.B. von der langweiligen, überkorrekten Annika ab. Den Schellen-Ursli würde ich jetzt aber im Gegensatz zu Bastien Girod trotz einiger Stereotypen ohne schlechtes Gewissen vorlesen. 😉

  2. Eliane Fischer

    Eine tolle, sehr hilfreiche Linkliste! Das muss ich mir mal ganz genau anschauen für meinen Kinderbuchblog http://www.minundmalve.ch. Ich weiss nicht, ob die Bücher in den Listen irgendwo auch erwähnt werden, aber diese beiden finde ich jedenfalls empfehlenswert:
    – Zwei Papas für Tango, Edith Schreiber-Wicke, Thienemann Esslinger Verlag
    – Punkte, Giancarlo Macri, Gabriel Verlag

    Viel Spass weiterhin beim Vorlesen!
    Eliane

  3. Wendt

    An alle interessierten, Ihr müsst zurück zu den Urmärchen kommen… dort werden in den verschiedensten Sammlungen alle Dinge ( Sexualität, Erwachsen werden..) beschrieben, die seit Generationen das , Menschsein‘ ausmacht! Denkt einfach darüber nach, an welche ‚Urmärchen‘ Ihr Euch erinnern könnt! Eine gute Sammlung haben die Gebrüder Grimms zusammen gestellt! 

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