Von Ratings, „Crime Scene“-Serien und dem Kampf zwischen Gut und Böse

csi-crime-scene-investigationDie inhaltliche Leere dieses Wahlkampfs ist nicht ausschliesslich die Schuld der Parteien. Die SP wollte mit ihrer AHV-Kampagne einen thematischen Schwerpunkt setzen. Die CVP versuchte mit einem Papier zu den Bundesfinanzen einen politischen Vorschlag für eine ernsthafte Frage in den Wahlkampf einzubringen. Das ist sogar ein besonders löbliches Beispiel. Denn obwohl ich es inhaltlich für falsch halte, muss man anerkennen, dass hier wirklich versucht wurde, den Wahlkampf mit einem komplexen politischen Inhalt zu füllen. Solche Beispiele gab es mehrere. Die gleichen Zeitungen aber, die über den inhaltsleeren Wahlkampf berichteten, lehnten es ab, diese Diskussionen aufzunehmen. Gefüllt wurde die politische Leere bei vielen Blättern mit Politiker- Ratings. Diese inflationären Ratings sind zum Symbol der Inhaltslosigkeit geworden.

Journalismus auf der Basis von Zahlen und Statistiken ist natürlich nichts an sich Schlechtes. Aber man kann sie nicht einfach ausbreiten, man muss damit arbeiten, sie erklären sich nicht selber. Die grosse Leistung von politischen Journalisten besteht darin, Komplexität für ihrer Leserinnen und Leser zu reduzieren und gleichzeitig die Zusammenhänge zu erklären. Das geht aber nur, wenn man den Gegenstand, über den man schreibt, sehr gut, ja besser kennt als die anderen. Das bedeutet aber viel Arbeit, viel Zeit. Diese wird in der kriselnden Medienindustrie zunehmend zur raren Ressource.

Ratings sind das pure Gegenteil des einordnenden Journalismus: Ratings sind quasi eine Abkürzung: Sie vermitteln den Eindruck einer sehr analytischen weil datenbasierten Herangehensweise, ohne dass man sich mit dem politischen Inhalt wirklich auseinandersetzen muss. Faktisch sind sie denn meist auch nicht viel mehr als banales Zusammenzählen von Vorstössen, Mitgliedschaften in irgendwelchen Gremien, etc – kurz: eine Arbeit, die jeder Praktikant auf der Redaktion auch erledigen kann. Die Redaktionen lagern ihr Kernbusiness, Politik und das Parlament zu verstehen, an scheinbar objektive Zahlen aus. Die Leistung der Einordnung, der Interpretation, des Verstehens, wie das Parlament funktioniert, entfällt.

 

Inhaltliche Relevanz lässt sich nicht einfach messen

Politikjournalismus wird zur Vermessungsaufgabe für Statistiker. Die politische Analyse fällt weg. Relevant ist nicht mehr, welche Vorstösse zum Beispiel jemand durch das Parlament bringt sondern wie viele. Ob sie allesamt völlig irrelevante Dinge behandeln, spielt keine Rolle: Die Person katapultiert sich auf dem Einfluss-Ranking nach oben. Inhaltliche Relevanz lässt sich schliesslich nicht messen, dafür müsste man die Dinge lesen, studieren, verstehen. Oder aber die Ratings verwechseln individuellen Einfluss schlicht mit einem Abbild der Machtverhältnisse: Warum wohl finden sich auffällig viele Lieblinge von Economiesuisse regelmässig auf den vorderen Plätzen?

Politische Einordnung wird ersetzt durch Datensammlungen, die die scheinbar „objektive Wahrheit“ liefern. Der Vorteil: Solche „Befunde“ sind viel unangreifbarer als politische Einschätzungen. Die Zeitungen immunisieren sich vor Kritik – wer kann schon die objektive Wahrheit anzweifeln? Eine Wahrheit, die sehr flexibel ist. So haben es zwei Zeitungen innerhalb von wenigen Wochen zum Beispiel fertiggebracht, die Aargauer SP-Ständerätin Pascale Bruderer einmal ganz oben auf einem Einfluss-Rating zu platzieren und einmal ganz unten – je nachdem halt, welche Zahlen man gerade wählt.

Nun könnte man mir vorwerfen, hier aus einer Maus einen Elefanten zu machen. Das würde stimmen, wäre die Ratingsinflation nicht ein Symptom einer breiteren Entwicklung in der Politikberichterstattung. Ratings treiben die Personalisierung der Politik mit voran. Sie durchbrechen die Relevanz von parteipolitischen und ideologischen Blöcken, weil sie das „Problem“ in seine Einzelteile, also die einzelnen Parlamentarier, zerlegen. Sie sind ein Teil der Peopleisierung der Politik. Den Vogel abgeschossen haben in diesem Wahlkampf die Ratings über den „Glamour-Faktor“ oder den „Humor“ von Parlamentariern. Die Peopelisierung schafft – paradoxerweise – nicht mehr Nähe zur Bevölkerung, sondern weniger.

 

Politik als Auf und Ab zwischen persönlichen Hypes und Skandalen

Ich muss zugeben, mir war das lange auch nicht bewusst. Aber die Entwicklung von Politikerinnen und Politikern zu Celebrities, deren Privatleben und sie selber zunehmend zum Kern der Berichterstattung werden, schafft Distanz, nicht Nähe. Sie rückt die „Sphäre der Politik“ näher an das Showbiz, an Beatrice Egli, Justin Bieber, oder wie sie alle heissen. Und diese „Stars“ sind eben nicht greifbar, sondern weit weg. Wir erleben ihre Karriere als medial vermitteltes Auf und Ab zwischen Hype und Skandal. Genau das beobachten wir auch in der Politik. Politik selber wird zur Abfolge von Skandalen und Hypes, die genau so schnell wieder vergessen werden, wie sie aufkommen.

Das politische Geschäft wird so zur Abfolge von individuellen Erfolgen, Versagen und Skandalen. Damit wird der Blick für strukturelle Zusammenhänge, für komplexe Sachverhalte, für Macht- und Herrschaftsverhältnisse verschleiert. Das Politische hinter der politischen Sachfrage wird unkenntlich. Gesellschaftliche Zusammenhänge auf individuelles Versagen von Politikern oder Institutionen reduziert. So passt sich die vermeintliche Datenpräzision ideal in das neokonservative Gesellschaftsprojekt ein: Die Re-Definition von Politik als moralische Schlacht zwischen Leistungsträgern und Faulenzern, zwischen Gut und Böse.

Kennen Sie die zahlreichen „Crime Scene“-Serien? Diese amerikanischen Kriminalserien, in denen die guten Ermittler unter Einsatz modernster Technologie das Böse in der Welt aufspüren und seiner gerechten Strafe zuführen? In dieser Welt existiert „das Böse“ an sich in der Welt. Es kann analysiert, identifiziert und damit auch aufgespürt und aus der Welt geschafft werden. Kriminalität ist keine Folge von struktureller Gewalt, sondern von bösen Menschen. Das Problem ist gelöst, wenn die faulen Elemente weg sind. Genau diesem Schema folgen auch Kampagnen, wenn der CSU-Minister Karl Theodor zu Gutenberg wegen einer Plagiatsaffäre aus dem Amt gejagt wird. Oder im Fall der medialen Hetze gegen den Badener Stadtammann Geri Müller. Oder neuerdings nach dem tragischen Unfall des FDP-Präsidenten. Gutenberg weg, Problem gelöst. Müller weg, Problem gelöst. Die gleiche Logik ist am Werk, wenn die SVP auf scheinbare Systemschmarotzer schiesst. Sozialhilfebetrüger weg, Problem gelöst. Scheinasylanten weg, Problem gelöst.

 

Die Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein

Sind jetzt alle Zeitungen und Journalisten einfach schlecht, wenn sie Ratings machen? Nein, überhaupt nicht. Die Ratingwelle im Wahlkampf ist vielmehr ein Hilfeschrei des politischen Journalismus. Ein deutscher Journalist hat einmal geschrieben: „Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein.“ Oder zumindest kein Gewerbe wie jedes andere. Und genau das geht heute vergessen. Offenbar ist der wirtschaftliche Druck in den Redaktionen zunehmend so gross, dass Zeit und Ressourcen fehlen, um ihre Kernaufgabe wahrzunehmen. Das hat nicht zwingend etwas mit der Qualität der Journalisten zu tun, sondern vielmehr mit der Geschäftsstrategie der Verlage. Wer aus den Zeitungen auf Teufel komm’ raus ein Renditeobjekt machen will, der spart eben früher oder später bei der Qualität. Irgendeinmal zeigt sich das dann halt.

Dieser Artikel ist am 8.10.15 in der Weltwoche erschienen.

4 Kommentare zu Von Ratings, „Crime Scene“-Serien und dem Kampf zwischen Gut und Böse

  1. Joga

    „Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein.‘ Oder zumindest kein Gewerbe wie jedes andere. Und genau das geht heute vergessen.“ Interessanterweise (oder auch überaschenderweise?) scheint auch CS-Präsident Urs Rohner dieser Meinung zu sein:

    „in Der Blattkritik vom 18. September, die beim «Tages-Anzeiger» – wie bei vielen Medien üblich – regelmässig an externe Gäste vergeben wird, holte Rohner als ebensolcher externer Gast zu grundsätzlicher Kritik aus, wie «Schweiz am Sonntag»-Recherchen zeigen. Er sei erstaunt, dass der Tamedia-Verwaltungsrat den «Tages-Anzeiger» wie ein Renditeobjekt geführt haben wolle und der Konzern die Zeitung «nach gewöhnlichen Renditekriterien beurteilt». Eine derart «enge Sicht», so steht es im internen Protokoll seiner Blattkritik, «verbietet» sich seiner Ansicht nach.“ (http://www.schweizamsonntag.ch/ressort/medien/fuer_nichts_mehr_stehen/)

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