„Wichtig ist nicht wo wir die Sprache der Freiheit gelernt haben. Wichtig ist, dass wir sie sprechen.“ – Kurzansprache zum Fest zur Relaunch der „Neuen Wege“

Ich bin ein eher unwahrscheinlicher Gast an dieser Veranstaltung. Mit der Religion habe ich es nicht so.

Zu meiner ersten Begegung mit den Religiösen Sozialist*Innen als Bewegung erreignete sich nach der Publikation eines Positionspapiers, als ich noch Präsident der JUSO war. Das Papier bekannte sich, zumindest im Entwurf, zu einem radikalen, kompromisslosen Laizismus. So verlangte es die Verbannung der Theologischen Fakultäten von den öffentlichen Universitäten oder die Streichung des Religionsunterrichtes. Kurz nach der Publikation des Entwurfes durch die Geschäftsleitung nahm Willy Spieler mit uns Kontakt auf. Ich kannte ihn schon von vorher, aus den Debatten über das, wie man damals nannte, „visionäre Kapitel“ im neuen Programm der SP Schweiz. Aber die Begnungen zur Frage der Religionspolitik, waren für mich eine Überraschung. Der Mann, dessen Welt ich, wie ich damals meinte, fundamental herausgefordert hatte, begegnete mir mit allem nur möglichen Verständnis. Er hörte, nahm jedes Wort des Papieres ernst und argumentiere es Punkt für Punkt durch. Es war eine, nicht die letzte, Reihe von Begegnungen in unserer Freundschaft, die mir klar machten, dass ich hier der Lernende war. Nun ja, Willy liess kaum jemanden unbeeindruckt, so auch uns nicht. Aus dem radikalen, kompromisslosen Papier, wurde ein radikal, kompromissloses Papier – mit pragmatischen Einschränkungen.

Die Position von damals ist nicht mehr wirklich meine. Ich würde mich nach wie vor als Atheisten bezeichnen, aber heute als entspannten. Womit wir direkt bei der Gretchenfrage wäre, ob besser beim Anlass dieses Tages, der Geburtstag von Karl Marx.

Etwas vom zentralen, was wir uns heute von Marx wieder aneignen sollten, ist seine Methode, die Welt nicht aus der Ideengeschichte, sondern aus Widersprüchen es real existierenden Lebens zu erklären, die dialektische Methode also. Diese fordert immer auch eine bedingungslose Kritik der eigenen Position. Wie fatalerweise wurde genau dieses Elemente später in den Marxismen übergangen. Der Marxismus, angefangen bei der Religionskritik, wurde im Marxismus-Leninismus selber zu einem Dogma, ja zu etwas religiösem. Von einer teleologischen Perspektive auf die Geschichte bis hin zur Errichtung von Säulenheiligen.

Nun muss man am heutigen Abend natürlich fragen, was also passiert, wenn Religion und Sozialismus zusammentreffen. Erhält man dann einen potenzierten Dogmatismus? Religiöse Intelorenz gepaart mit Sicherheit, den Ausgang der Geschichte schon zu kennen? Meine Erfahrung mit Willy Spieler und den Neuen Wegen hat mich gelehrt, dass paradoxerweise das Gegenteil der Fall sein kann: Die marxistische Religionskritik erlaubt es, Religion – übrigens genauso meinte Marx seine Religionskritik – immer dann zu kritisieren, wenn mit ihr Macht legitimiert – Opium für das Volk, wenn man so will – oder Leid verharmlost – Opium des Volkes (so und nicht anders lautet das Zitat aus der Kritik der Rechtsphilosophie) – werden sollte. Aus dem Religiösen nimmt der Religiöse Sozialismus die bedingungslose Würde des Einzelnen als Geschöpf Gottes. Und schützt damit vor der einer radikal-materialistischen Heilslehre, wenn diese mit dem Zweck die Mittel heiligen will.

Das hat, so habe ich aus vielen Begnungen gelernt, viel emanzipatorisches Potential. Potential, Politik eben nicht einfach mit den nächsten Wahlen vor dem Kopf zu machen, sondern mit dem Ziel „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes,  ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen“ ist. Oder, um es eben statt mit Marx mit der Bergpredigt zu sagen: Damit wir, hier auf Erden, wahrhaft Kinder des Vaters im Himmel werden. Was ich sagen will: Wichtig ist nicht wo wir die Sprache der Freiheit gelernt haben. Wichtig ist, dass wir sie sprechen. In diesem Sinne hat sich in den letzten Jahren zuerst zwischen Willy Spieler und mir, dann zwischen den Neuen Wegen und mir eine wunderbare Freundschaft entwickelt. Heute wünsche ich den Neuen Wegen und unserer Freundschaft mindestens weitere 112, erfolgreiche Jahre!

 

Das Fest zum Relaunch der „Neuen Wege“ fand am 200. Geburstag von Karl Marx, am 5. Mai 2018, in Zürich statt. Wir wurden um maximal vierminütige Statements zur Gretchenfrage geben: „Wie hälst du es mit der Religion, Genoss*in?“ Dieser Text ist ein – nicht wörtliches – Gedankenprotkoll einer frei gehaltenen Rede.

 

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