Gestern hat mich Marcel Dettling, SVP-Präsident, im Parlament gefragt, warum ich nicht endlich zugeben könne, dass Gewalt gegen Frauen vor allem von Ausländern verübt werde. Meine Antwort lautete: Wegen Bernhard Diethelm (zum Video der kurzen Diskussion).
Bernhard Diethelm, ehemaliger Schwyzer SVP-Kantonsrat, wurde 2024 vom Obergericht Zürich verurteilt, weil er eine Prostituierte verletzt hatte. Dank Diethelm erreicht die 33-köpfige Schwyzer SVP-Kantonsratsfraktion einen statistischen Wert von 3 % Gewalttätern in ihren Reihen – fast 30-mal höher als der durchschnittliche Anteil von Gewaltstraftätern in der Gesamtbevölkerung. Rein statistisch ist die Kantonsratsfraktion der SVP Schwyz damit einer der gefährlichsten Orte des Landes – gerade für Frauen.
Sie finden dieses Beispiel empörend und willkürlich? Weil ich mir eine Gruppe zufällig ausgewählt habe (die Kantonsratsfraktion), ein bestimmtes Merkmal herausgepickt habe (SVP-Kantonsrat) und damit eine ganze Gruppe (die SVP) verdächtigt habe, obwohl sich die anderen 32 gar nichts haben zuschulden kommen lassen? Sie haben vollkommen recht. Genau das gilt auch für die dauernde Leier, Schuld an Gewalttaten seien «Ausländer».
Auch dieses Merkmal ist nur eines von vielen, die Täter und ihre Biografien ausmachen. Und die Gruppe ist völlig willkürlich. Fast alle Menschen sind fast überall auf der Welt Ausländer. Die meisten verbindet deutlich weniger miteinander als etwa eine gemeinsame Parteimitgliedschaft.
Apropos: Wer sich von der Empörung nicht erholen kann, der oder die google einmal nach «SP-Mitglied» und «Gewalt gegen Frau». Sie werden mit Sicherheit ebenfalls fündig (ich habe es zugegebenermassen nicht überprüft). Patriarchale Gewalt ist leider ein Phänomen, das alle gesellschaftlichen Kreise betrifft.
Der ständige Verweis auf «die Ausländer» soll vor allem eines: ablenken. Ablenken davon, dass die Politik angesichts von 27 mutmasslichen Femiziden seit Anfang Jahr schlicht – sorry – komplett versagt hat. Und ablenken davon, dass das Patriarchat (die Herrschaft der Männer) auch in der sogenannten Mehrheitsgesellschaft tief verankert ist.
Wissenschaftlich ist die Lage klar: Kontrolliert man Statistiken nach Geschlecht (Männer), Alter (jung) und Klasse (Bildung, Einkommen), verliert die Herkunft praktisch vollständig an Bedeutung. Das bedeutet nicht, dass das soziale Umfeld, in dem man aufwächst, unwichtig wäre. Gerade bei Männern ist gut belegt, dass frühe Prägungen durch Rollenbilder entscheidend dafür sind, ob Gewalt gegen Frauen später als legitim betrachtet wird.
Ob das bei Bernhard Diethelm eine Rolle gespielt hat, kann ich nicht beurteilen. Aber genauso falsch wie die Behauptung, alle SVPler seien gewalttätig, ist es, dasselbe über – was weiss ich – Tunesier, Somalis oder Schweizer zu sagen. Daraus folgt vor allem eines: Wir müssen Diversität und Rollenbilder sehr früh dort thematisieren, wo wir alle Menschen erreichen. In der Volksschule. Aber das will die SVP bekanntlich auch nicht.
Wer es ganz genau wissen will: Warum meine Schwiegermutter schuld ist an der «Ausländergewalt», lesen sie hier.
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Bild: Foto von Nadine E. auf Unsplash
Die ursprüngliche Version dieses Artikels wurde am 16.12.25 um ca. 21 Uhr überarbeitet.