Die Geschichte sei ein Friedhof der Eliten, schrieb bereits vor über hundert Jahren Vilfredo Pareto, einer der Väter der Wirtschaftswissenschaften. Eliten kommen und gehen, allerdings nicht zufällig. Ihre Regeln, Normen und Verhaltensweisen spiegeln die Gesellschaften, die von ihnen beherrscht werden. Das ist keine gute Nachricht angesichts der neuesten Veröffentlichungen aus den sogenannten Epstein-Files.
Jeffrey Epstein, der verurteilte Sexualstraftäter, unterhielt über Jahrzehnte ein exklusives Beziehungsnetz in die weltweiten Eliten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft. Begonnen hatte er als Vermögensverwalter und Spezialist für Offshore-Geschäfte, also für das Verstecken von Vermögenswerten vor der Steuerpflicht.
Epstein bot seinen – vorwiegend, aber nicht nur – männlichen Kunden neben exklusiven Partys und fragwürdigen Steuerpraktiken auch Sex mit Minderjährigen an. Opferanwälte sprechen von mehreren Hundert Kindern und jungen Frauen, die über die Jahre missbraucht wurden. Betroffene klagen das seit Jahren an, doch kaum jemand hörte zu. Für fast niemanden aus der Täterschaft hatte dies bisher Folgen. Für die Elite herrscht wieder einmal Straflosigkeit.
Die Elite von gestern
Die Versuchung ist gross, diesen Horror mit individualpsychologischen Störungen der Täter abzutun: Mit solchen Leuten kann doch etwas nicht stimmen. Das mag sein, greift aber zu kurz. Epsteins Freundes- und Kundenliste liest sich wie das «Who’s who» der neoliberalen Ära. Es sind jene, die jahrelang als Helden der «New Economy» gefeiert wurden. Die Politik müsse, so hiess es, diesen «Leistungsträgern» die Wünsche von den Lippen ablesen, dann komme alles gut: Steuersenkungen, Deregulierung, Sonderprivilegien.
Als Folge explodierte die Ungleichheit. Wen wundert es, wenn diese Leute – vor allem Männer – heute glauben, für sie würden keine Regeln mehr gelten? Die Ideologie der Leistungsgesellschaft produziert die moralische Verkommenheit ihrer Eliten gleich mit. Dass mit wachsendem Reichtum und Macht die Empathiefähigkeit für andere Menschen abnimmt, ist sogar wissenschaftlich belegt.
Schluss mit Straflosigkeit
Die Gewaltorgien des Epstein-Zirkels sind keine Anomalie, sondern spiegeln die Realität der neoliberalen Ordnung. Der Reichtum der 3000 US-Dollar-Milliardäre weltweit ist seit 2020 um mehr als 80 Prozent gewachsen. Sie kontrollieren fast 20 Billionen Dollar. Gleichzeitig steigt erstmals seit der Jahrtausendwende die Kindersterblichkeit wieder an. Die Gewalt gegen Frauen nimmt zu, jede dritte Frau ist betroffen. Und die Welt steuert weiter auf die Klimakatastrophe zu. Was zu tun wäre, ist bekannt, wird aber von fossilen Lobbys blockiert. Die Profite einiger weniger sind offenbar wichtiger als die Zukunft der vielen.
Kurz: Eine Welt, geprägt von Ungleichheit, Rücksichtslosigkeit und Frauenverachtung, wird von Eliten beherrscht, die diese Werte exzessiv leben. Das ist kaum überraschend. Wer zukünftige Epsteins verhindern will, muss die Straflosigkeit beenden und Privilegien abbauen: durch Begrenzung von Millionengehältern, Einschränkung extremer Vermögen und verbindliche Menschen-, Frauen- und Umweltstandards auch für Konzerne und ihre CEOs.
Dieser Artikel ist am 11.2.2026 als Kolumne im Tagesanzeiger erschienen.