Der „starke“ Franken: Segen und Fluch

Ein „starker“ Franken klingt zunächst nach Erfolg. Wer will schon, dass eine so wichtige Sache wie die eigene Währung „schwach“ ist? Tatsächlich ist es etwas komplizierter. Die Begriffe „stark“ und „schwach“ beschreiben das Tauschverhältnis mit anderen Währungen: Wie viel Fremdwährung erhält man für einen Franken? Aktuell befindet sich dieses Verhältnis auf einem historischen Rekordstand. Während man zur Jahrtausendwende noch über 1.80 CHF für einen US-Dollar zahlte, sind es heute teils unter 0.80 CHF. Auch gegenüber dem Euro ist die Aufwertung massiv: Kosteten 100 Euro vor 20 Jahren noch knapp 170 CHF, so sind es heute weniger als 95 CHF.

Ursachen: Der „Sichere Hafen“ in der Krise

Die Gründe für diese Entwicklung sind komplex. Eine zentrale Rolle spielt die geopolitische und ökonomische Unsicherheit. In Zeiten von Kriegen, Handelskonflikten und globalen Krisen wie der Pandemie fungiert der Franken als „Sicherer Hafen“.

Wirtschaftshistorisch lässt sich argumentieren, dass die jahrzehntelange neoliberale Politik – geprägt durch Deregulierung und Steuersenkungen – gobal zu einer enormen Kapitalakkumulation bei Konzernen und Superreichen geführt hat. Da sich für dieses Kapital in Zeiten der Unsicherheit in instabilen Märkten kaum noch sichere Anlagemöglichkeiten finden, wird es massenhaft im stabilen Franken „geparkt“. Dies führt zu einer hohen Nachfrage nach unserer Währung und treibt den Frankenkurs nach oben.

Die Auswirkungen dieser Währungsstärke sind zweischneidig:

  • Von der hohen Kaufkraft profitieren Schweizer Touristen im Ausland und inländische Konsumenten. Importgüter wie Energieträger, Rohstoffe oder Elektronik werden tendenziell günstiger, was zudem die Inflation im Inland dämpft. Auch der Finanzplatz profitiert durch den massiven Zufluss von zu verwaltendem Vermögen.
  • Leidtragende ist vor allem die Exportindustrie (Maschinenbau, Metall, Textil, Uhren). Sie gerät unter enormen Druck. Da Schweizer Produkte im Ausland durch den Wechselkurs teurer werden, sinkt deren Wettbewerbsfähigkeit. Die Folgen sind bereits real: 2025 verlor die Industrie tausende Arbeitsplätze.

Eine Volkswirtschaft ohne Industrie?

Gemäss Verfassung ist die Schweizerische Nationalbank (SNB) verpflichtet, eine Geldpolitik im Gesamtinteresse des Landes zu führen. Das bedeutet, dass sie nicht nur die Preisstabilität wahren, sondern auch die Stabilität des Wirtschaftsstandorts und die Beschäftigung im Blick haben muss. Die SNB verfügt über die notwendigen Instrumente, um am Devisenmarkt zu intervenieren und die übermässige Verhärtung des Frankens durch den Kauf von Fremdwährungen zu bremsen. Doch während die SNB in einer der letzten akuten Währungskrisen bis Anfang 2015 noch massiv eingriff und einen Mindestkurs aktiv verteidigte, agiert sie unter der aktuellen Führung von Martin Schlegel zurückhaltender. Diese Zurückhaltung ist riskant: Eine einseitige Orientierung an den Interessen des Finanzplatzes vernachlässigt die Bedeutung der Realwirtschaft und der Arbeitsplätze in den Exportindustrien. Eine Volkswirtschaft kann langfristig nicht allein von Vermögensverwaltung leben; sie benötigt eine gesunde industrielle Basis. Es ist höchste Zeit für eine Kurskorrektur in der Währungspolitik, um die industrielle Substanz der Schweiz zu schützen.

Dieser Artikel ist als Kollumne in den Aargauer Nachrichten erschienen.

Bild: Foto von Simon Kadula auf Unsplash (Symbolbild)