Das ewige Geschwätz von Strenge und Disziplin in der Schule…

Die NZZ hat Katharine Birbalsingh interviewt, offenbar bekannt als Grossbritanniens „strengste Schulleiterin“. Ich muss gestehen, ich kannte Frau Birbalsingh bisher nicht. Ich kann daher ihre Kompetenz, was das britische Schulsystem angeht, nicht beurteilen, das stünde mir auch nicht zu. Darum geht es mir nicht. Aber die NZZ versucht – wie so oft – in einem Rundumschlag gegen die „westliche Schule“, mal wieder den „Woken“, Frauen und Linken die Schuld am Untergang des Abendlandes in die Schuhe zu schieben. Dabei werden munter Feststellungen aus Grossbritannien gleich für die Schweiz generalisiert. Das ist Chabis. Importierter Kulturkampf, sonst nichts. Einige Punkte scheinen mir besonders problematisch, dazu einige spontane Bemerkungen.

  1. Die NZZ verpasst es schon mal ganz zu Beginn darauf hinzuweisen, dass Katharine Birbalsingh nicht nur „die Regierung beraten hat“, sondern seit 2010 eine der führenden Stimmen der Konservativen im Vereinigten Königreich ist. Erklärt schon mal einiges.
  2. „Frau Birbalsingh, Sie sprechen oft über die Generation Z: überfordert, empfindlich, in der Arbeitswelt anspruchsvoll. Woher kommt das?

    Das alles hat mit der Art zu tun, wie sie aufgezogen wurden. Die Eltern wollen heute die Freunde ihrer Kinder sein. Und wer die Kinder diszipliniert, bekommt ein schlechtes Gewissen eingeredet. Man nennt mich ‚Grossbritanniens strengste Rektorin‘, als sei streng gleichbedeutend mit gemein. Dabei bedeutet streng zu sein, dass man sein Kind genug liebt, um die eigenen Massstäbe hochzuhalten. Es ist einfacher, dem Kind beim Wutanfall den Keks zu geben, als hart zu bleiben. Wir geben unseren Kindern seit Jahrzehnten den Keks – und ernten jetzt die Folgen.“

    Immer dieselbe Leier. Mir kommt die Galle schon bei den ersten Worten hoch. Das hören wir tagein, tagaus: wie verweichlicht die Jungen doch seien. Was die Rechten eigentlich meinen: Diese Gören lassen sich nicht mehr widerstandslos ausbeuten. Die wollen jetzt so Zeugs wie Work-Life-Balance. Und sie verlangen Respekt, statt am Arbeitsplatz angeschrien zu werden. Und das komme halt von der „verweichlichten“ Erziehung. Hat sich von diesen Gen Z Basher:innen eigentlich mal jemand umgeschaut: Ungleichheit, Corona, Krieg, Klimakatastrophe, Rechtsextremismus, in UK grassierende Arbeitslos- und Perspektivlosigkeit, Social Media? So ganz ohne ist die Welt mit der sie sich rumschlagen müssen dann also nicht.

    Was bitte ist schlecht daran, (auch) der Freund seiner Kinder zu sein? Man müsse „hart“ bleiben, sonst würden die Gofen verweichlicht – der remilitarisierte Zeitgeist schlägt hier voll durch. Kinder sollen nicht lernen, ihren Bedürfnissen und Gefühlen Ausdruck zu verleihen, sondern sie zu unterdrücken. Am Ende läuft das darauf hinaus, dass die eine oder andere Ohrfeige schon nicht schaden werde. Tolle Pädagogik. Hat ja mit der Generation unserer Grossväter und Väter gut funktioniert, das unterdrücken von Gefühlen und Emotionen. Das mit der „Härte“ hatten wir schon – das haben bislang noch alle durchmilitarisierten Autokratien gepredigt. Es beginnt schon am Rande des Autoritarismus, also das Interview.

  3. Dann folgt auch gleich schon das Kernmantra der Konservativen: „Die kleinbürgerlich-konservativen Werte, die früher selbstverständlich waren, existieren kaum noch.“

dann:

„An ihre Stelle [der Werte] ist die Opferrolle getreten. Man kann Schwarzer sein, Mädchen, Junge, schwul, trans, psychisch belastet. Es gibt viele Kategorien, über die man sich Opferstatus verschaffen kann. Es existiert eine regelrechte Opferhierarchie, nicht nur in der Schule, sondern in der Gesellschaft insgesamt. Jeder wetteifert darum, weil einen das im sozialen Gefüge nach oben bringt. Früher wurde bewundert, wer Hindernisse überwand. Heute bewundert man, wer das grösste Opfer ist.“

und:

„Unsere Schule macht drei Dinge anders: erstens Strenge und Disziplin, zweitens ein traditionellerer Unterricht, bei dem der Erwachsene die Autorität ist, drittens traditionelle Werte.“

Das ist eigentlich schon 75% des konservativ-reaktionären Drehbuchs. Der Westen geht vor die Hunde. Natürlich nicht wegen eines Wirtschaftssystems, das die Ressourcen des Planeten ausbeutet, oder Oligarchen, die die politische Macht an sich reissen. Auch nicht wegen – gerade in UK – vier Jahrzehnten neoliberaler Politik, die Ungleichheit und Armut befeuert und die britischen Infrastrukturen und Sozialwerke an den Rand des Kollapses gebracht haben. Sondern weil die „Woken“, Frauen und Linken der Gesellschaft ihren Stempel aufgedrückt haben (sagen später die NZZ-Journalist:innen sogar). Die Folge der linken Machtübernahme ist der Wertezerfall und die Überhandnahme von Partikularinteressen, die die wirklich Leistungswilligen ausbremst. Die Geschichte wird seit 1789 und der Französischen Revolution immer mal wieder neu aufgelegt. Mal sind es die 68er, dann die Frauenbewegung, dann der Antirassismus, der die Gesellschaft spaltet. Mit „spalten“ meinen die Konservativen die Auflösung von gesellschaftlichen Hierarchien. Frauen spalten die Gesellschaft, weil sie die gleichen Löhne wollen wie die Männer. Schwarze, weil sie die gleichen Chancen wollen wie Weisse, die LGBTQ-Bewegung, weil sie die gleichen Zivilrechte will wie cis-hetero Paare. Die eigentlichen Opfer sind die ehemals Mächtigen aus der Zeit, als die Welt noch in Ordnung war, also vor allem weisse, vermögende, rechte Männer. Die sog. Leistungsträger. Sie sind nämlich, so die Erzählung, die eigentlichen Opfer des „Aufstiegs der Opfer“. Nichts dürfen sie mehr. Keine Schwulenwitze reissen, keiner Frau an den Hintern langen, keine PoC ausbeuten.

Die Forderung nach einem Ersatz der „woken“ Rücksicht auf die unterschiedlichen Startbedingungen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen durch Strenge und Disziplin mündet in die Forderung, erstere auszublenden. Die Kraft der gewerkschaftlichen, feministischen, antirassistischen etc. Bewegungen hat strukturelle Gewalt, Klassenherrschaft und Diskriminierung sichtbar gemacht und damit zu einem Problem werden lassen. Man kann nicht mehr darüber hinweggehen. Die Schule hat aber genau dadurch eine massive Demokratisierung erlebt. Die Forderung nach Strenge und Disziplin will genau dies rückgängig machen. Sie will zurück in eine Bildungslandschaft, deren oberstes Credo nicht die Befähigung aller Menschen zum selbstbestimmten Leben ist (ja, da fehlt auch heute noch einiges), sondern die Vorbereitung auf das Akzeptieren der kapitalistischen Arbeitswelt mit Gehorsam, Leistungsbereitschaft und die funktionale Rolle von Menschen im Produktionsprozess – das Herstellen von Profiten für die Herrschenden, ohne aufzumucken.

  1. „In der Schweiz dürfte das weniger ausgeprägt sein, weil das Land keine grosse koloniale Vergangenheit hat und neutral war.“

Nun ja. Man muss sich nicht über die Schweiz äussern. Aber wenn man es tut, sollte man wenigstens ein bisschen Ahnung haben. Die Schweiz hat nach aktuellen Schätzungen pro Kopf mehr an der Sklaverei verdient als Frankreich.

  1. „In Grossbritannien, den USA, Kanada wird Geschichte zunehmend als Abfolge von Unterdrücker-Unterdrückte-Narrativen erzählt.“

Well, das ist Geschichte. Der Kampf verschiedener Gruppen und Klassen um Macht. Die Forderung, die Geschichte von Aufständen gegen Herrschaft auszublenden, dient natürlich der Erzählung unter 2).

  1. „Sie setzen in Ihrer Schule auf Patriotismus. Braucht es nationalen Stolz, um Kinder zu erziehen? Unbedingt, gerade bei einer multikulturellen Schülerschaft. Wenn nicht das Land alle zusammenhält, muss etwas anderes diese Rolle übernehmen. Früher war das die Religion. Fehlt sie, muss es die Nation sein. Sorgt jeder nur für die eigene Gruppe, führt das zu Bürgerkrieg. Vor unserer Schule weht die britische Flagge […] Fehlt das Zugehörigkeitsgefühl zum eigenen Land, suchen Kinder es woanders, in einer Gang, in einer Bewegung.“

Eine spektakuläre Aussage für eine Britin. Ich meine, sie spricht wörtlich über die britische Schule, nicht nur die englische. Die Religion habe die Nation zusammengehalten. Wie war das mit den Religionskonflikten in Nordirland, in denen seit 1969 3’500 Menschen ihr Leben liessen? Und heute soll es „die Nation“ sein, die Grossbritannien zusammenbringt? Aha. Wie war das mit den rechtsextremen Ausschreitungen in Belfast und anderen britischen Städten? Welche Rolle hat da der Patriotismus darin gespielt, die Menschen „zusammenzuhalten“?

  1. „Heute ist das selten geworden, viele Schulen hissen stattdessen Pride- oder palästinensische Fahnen.“

Ich bin, wie gesagt, kein Experte für britische Bildungspolitik. Aber dass eine Regierung (UK), die systematisch propalästinensische Demonstrant:innen und Organisationen zu kriminalisieren versucht, es zulässt, dass Schulen massenhaft palästinensische Flaggen hissen, mit Verlaub, das scheint a) wenig wahrscheinlich und wäre b) aufgefallen. Und was genau sollte an Prideflaggen falsch oder auch (in diesem Zusammenhang fällt der Satz) unpatriotisch sein? Lässt auch tief blicken, wer dazu gehört und wer nicht.

  1. „Sie stellen bewusst auch Lehrer ohne formale pädagogische Ausbildung ein. Warum? Antwort: Wenn ich ausgebildete Lehrer einstelle, muss ich sie zuerst umschulen. Die Art, wie man Lehrern heute das Unterrichten beibringt, ist falsch. Die Ausbildung ist von diesem Opfergruppen-Denken durchdrungen.“

Auch ein Klassiker rundet die Sache ab: Der Feldzug gegen die Bildungsexpertise. Ausgebildete Lehrer:innen, vor allem universitäre, sind, so das Narrativ, weit weg vom „echten Leben“ und werden indoktriniert. Ihre Ausbildung schadet. Mit dieser Diskreditierung sollen Lehrberufe und breiter Care-Berufe abgewertet werden – wenig überraschend frauendominierte Berufe. Das bisschen Kinderhüten und Einmaleinsbeibringen kann ja jeder (ungegendert). Damit wird die ideologische Grundlage für Bildungskürzungen geschaffen; wegfallen wird natürlich zuerst alles mit Vielfalt, Demokratie, kritischem Denken und der ganze Humbug. Und andererseits ist halt schlicht ein konservatives Gesellschaftsmodell gegen ausgebildete Pädagoginnen fast nicht zu verteidigen. Das ist vielleicht der Kern, der stimmt. Die Bildungsrevolution hat tatsächlich (bei allen Lücken) entscheidenden Anteil am Umsturz von Hierarchien. Warnhinweis: „Bildung kann Ihre konservative Weltsicht gefährden.“ Darum ist sie auch ein Hauptfeind der Rechten.