Was für ein Wahnsinnssommer. Im wahrsten Sinne des Wortes. Also eigentlich ein Sommer des Wahnsinns: Rekordhitze und Trockenheit machen Mensch und Natur zu schaffen. Über den Ex-Politiker Patrick Frei aus dem Aargau wird bekannt, dass er jahrelang Frauen betäubt und missbraucht hat, was sich in eine Reihe von Enthüllungen ähnlicher Fälle der sogenannten chemischen Unterwerfung einfügt. Und die Fluchttragödie in Ceuta fordert über hundert Menschenleben. Auf den ersten Blick mögen die drei Ereignisse kaum etwas miteinander zu tun haben. Das stimmt aber nur auf den ersten Blick. Bei näherem Hinsehen verbindet sie sogar viel. Sie sind alle Ausdruck der fundamentalen Krise eines petromaskulinen Kapitalismus.
Die amerikanische Politikwissenschaftlerin Cara Daggett bezeichnet mit Petromaskulinität – oder fossile Männlichkeit – eine bestimmte Ausdrucksweise von Männlichkeit (von Petroleum für Erdöl und maskulin für männlich). Gemeint ist eine Abwehrreaktion von Männern, die ihre Lebensweise durch die Klimabewegung und den Feminismus infrage gestellt sehen. Sie fühlen sich bedrängt vom sozialen Aufstieg von Migrantinnen und Migranten – und von Frauen. Den Klimaschutz empfinden sie als Angriff auf ihre Männlichkeit, weil er ihre rücksichtslose Freiheit einschränken könnte, so viel Auto zu fahren und so viel Fleisch zu essen, wie sie wollen.
Männer, die sich bedroht fühlen, wenden sich einem rechten Autoritarismus zu
Die Petromaskulinisten wollen keinen Feminismus, weil sie sich nicht um «unmännliche» Dinge kümmern wollen wie Kindererziehung und Altenpflege. Zu dieser männlichen Identität gehört es selbstverständlich, die Natur und andere Menschen wie Objekte, wie Privateigentum, zu betrachten, über das man verfügen kann. Darum darf auch niemand Onkel Erwin kritisieren, wenn er SUV fährt. Er selbst findet es aber ganz normal, Frauen auf Facebook runterzumachen, wenn sie Abtreibungsrechte einfordern. Man(n) erhebt Anspruch auf die permanente Verfügbarkeit und Ausbeutung von natürlichen Ressourcen genauso wie auf den weiblichen Körper oder die Carearbeit. Diese männliche Identität ist unter Druck und wird deshalb politisch gerade intensiv debattiert. Auch in der Schweiz zeigt sich das in den Wahl- und Abstimmungsstatistiken. Männer, die sich bedroht fühlen, wenden sich einem rechten Autoritarismus zu.
Die fossile Männlichkeit hat mächtige Alliierte. Sie ist der natürliche Verbündete von Konzerninteressen, insbesondere natürlich der Rohstoffbranche. Petromaskuline Vorstellungen passen sehr gut zu einem Wirtschaftssystem, das Natur und menschliche Arbeit als Ware und Privateigentum betrachtet. Die Klimakrise und die globale Ungleichheit werden durch die rücksichtslose Ressourcenausbeutung weiter vorangetrieben. Möglichst wenig Umweltvorschriften, Arbeits- und Menschenrechte sind das gemeinsame Interesse. Ein «Bündnis von Mob und Elite», wie es die deutsche Philosophin Hannah Arendt nannte.
Eine petromaskuline Zukunft ist absehbar barbarisch
Die Antwort, die der petromaskuline Kapitalismus auf die aktuelle Vielfachkrise gibt, ist Gewalt. Gewalt soll die gesellschaftlichen Hierarchien wieder definieren – und klarstellen, wer unten und wer oben ist, wer dazugehört und wer nicht, wer leben darf und wer überflüssig ist. Gewalt, die sich in der Herabwürdigung von Frauen zu Objekten zeigt, in der Militarisierung und Aufrüstung gegen innen und an den Grenzen, Gewalt gegen Menschen, die Hilfe und Schutz suchen. Es sind auch in der Schweiz die gleichen politischen Kräfte, die im Umweltdepartement am Rückbau der Klimaschutzmassnahmen arbeiten, die kantonalen Mindestlöhne angreifen und sich gegen den Ausbau des Schutzes von Gewaltopfern wehren.
Eine von diesem petromaskulinen Kapitalismus geprägte Zukunft ist absehbar barbarisch. Der Sommer 2026 hat uns einen Blick darauf ermöglicht. Nicht nur der Schutz von Gewaltopfern, auch ein Klimaschutz beginnt mit einer anderen Männlichkeitsvorstellung. Einer Männlichkeit, die nicht auf Dominanz und teure Autos angewiesen ist. Eine Männlichkeit, die Rücksicht auf Mitmenschen nimmt und sie nicht als Schwäche verlacht. Stattdessen die Sorge – auch um die Natur – als selbstverständliche Menschlichkeit versteht.
Umweltvorschriften für Konzerne sind auch Gleichstellungspolitik
Rollenbilder, die sich über Jahrhunderte ausgeprägt haben, bekämpft man nicht auf die Schnelle. Aber wir müssen endlich ernsthaft damit anfangen. In den Familien, in den Vereinen, an den Schulen. Die Vorstellung einer dominanten Männlichkeit stützt sich auf reale Machtverhältnisse. Erst wenn Frauen, queere Menschen und Transpersonen über die gleichen Einkommen, Vermögen und politische Macht verfügen wie Männer, kann die Gewalt verschwinden.
Vorschriften für Konzerne in Sachen Umwelt und Menschenrechte sind auch Gleichstellungspolitik. Weil sie die CEOs zwingen, an ihre gesellschaftliche Verantwortung zu denken und nicht nur an den Quartalsgewinn. Umgekehrt sind Kitas, gute Löhne in Berufen mit vielen Frauen und die Einführung einer Familienzeit eben auch Klimapolitik. Weil sie Gleichstellung voranbringen und auch Männer von veralteten Rollenbildern befreien helfen. Es ist höchste Zeit, aus dem petromaskulinen Kapitalismus auszusteigen.
Dieser Artikel ist zuerst in den Zeitungen der TA-Media erschienen.